Gastbeitrag Egon zum Darwinjahr

12. März 2009

Hinweis: für Form und Inhalt dieses Beitrags ist ausschließlich Egon verantwortlich.

Meine Gedanken zum Darwinjahr

Wenngleich es mich betrübt, hier so wenig Diskussionsteilnehmer anzutreffen und ich mich frage, ob es überhaupt noch lohnt, einen weiteren Beitrag zu schreiben, obsiegte doch ein gewisser Rest von Optimismus, dieses zu tun.

Ich möchte nicht über die Person Charles Darwins schreiben – das ist derzeit schon vielfach geschehen - und seinen sterblichen Überresten im Boden der Westminster Abbey, quasi zu Füßen des Grabes von Isaak Newton, möchte ich auch kein „Happy Birthday“ zurufen. Seinem Werk jedoch möchte ich – obwohl kein Experte - Ehre erweisen.

Wie Isaak Newton war Charles Darwin ein Entdecker, einer jener, die den Schleier der Augenscheinlichkeit von der Natur hinwegzogen und damit tiefere Blicke freigaben auf das Wesen dessen, was uns umgibt und was wir selber sind. Enträtselte Newton mehr Aspekte der Dynamik des Seins, so tat dieses Darwin v.a. in Bezug auf das Werden. Ein Werden, dass trotz einiger bis in die Antike zurückgehende (naive) Evolutionsvorstellungen zu Zeiten Darwins v.a. im Bereich der Biologie sich auf Haustierzüchtungen beschränkte. Ansonsten hielt man fest an der Überzeugung der Unveränderlichkeit der Arten in Übereinstimmung mit theologischen Vorgaben – auch Darwin wuchs mit Paleys Schriften der Naturtheologie auf. Erst seine Weltreise mit der Beagle sollte diese statische Sicht langsam ins Wanken bringen. Da waren zunächst die Fossilien, die in unterschiedlichen Schichten auf ein weit größeres Alter hindeuteten, als es ein Bischof Usher (Schöpfungsbeginn 4004 vor Christi) berechnet hatte. Und da waren diese abgestuften Ähnlichkeiten der Lebewesen, die auf Verwandtschaft schließen ließen und den Gedanken an Züchtung nahe legten. Doch da war kein Züchter, der gemäß eigenen Bedürfnissen z.B. bestimmte Hunde oder Pferde züchtete, indem er die jeweils ihm geeigneten miteinander über Generationen hinweg kreuzte. Wer oder was sollte daher die große Vielfalt der Natur hervorgebracht haben? Und warum sind so viele wieder ausgestorben, was doch angesichts der theologisch geforderten Statik absurd wäre (kein biblischer Bericht kündet von ausgestorbenen Lebewesen und gerade die Sintflutlegende bezeichnet ja den Willen Gottes nach Bewahrung der Natur, indem von jeder Art Landlebewesen welche in die Arche des Noah verfrachtet wurden)?

Darwin war ein exzellenter Beobachter. Ihm entging nicht, dass viele Lebewesen mehr Nachkommen zeugten als zur Arterhaltung notwendig waren. Was geschah mit all denen, die nicht zur Reife kamen? Plakativ formuliert: Warum ist der Himmel nicht schwarz von Vögeln? Diese Fragestellung verfolgend las Darwin Malthus. Dieser sah den Zusammenhang zwischen Ressourcen zur Ernährung und der Zahl von Menschen. Nur diejenigen verfügten über den Zugang zu ausreichend Ressourcen, die über entsprechende Fähigkeiten der Aneignung verfügten. An dieser Stelle greift natürlich Marx Kritik, in der dieser – obwohl Darwin bewundernd (er hatte ihm seinen ersten Band von „Das Kapital“ widmen wollen) – eine Abbildung der britischen Gesellschaft in der Naturanschauung Darwins zu sehen glaubte. Gleichwohl ist der Ansatz bei Malthus vmtl. ein wichtiger Impulsgeber für Darwins Entdeckung gewesen, denn er lässt sich tatsächlich z.T. elegant auf das Tier- und Pflanzenreich übertragen. Ernährung und Fortpflanzung sind ja die basalen Imperative des Lebens schlechthin. Sie sind es aber nicht im streng evolutionsbiologischen Sinne, denn ihr Streben gilt der Erhaltung und nicht der Veränderung. Dass es dennoch zur Evolution kommt, liegt daher an Faktoren, die nicht der willkürlichen Steuerung der Lebewesen unterliegen. Diese Faktoren – wir wissen heute, dass es die Genmutationen sind – waren Darwin noch unbekannt, so dass er nur von „Varietäten“ schreiben konnte, von geringfügig abgeänderte Formen, deren Ursache er sogar in lamarckistischen Vorgängen vermutete (Vererbung erworbener Eigenschaften). Genau betrachtet, ist das durchaus nicht ganz falsch, denn die Mutationen des Erbgutes wurden ja „erworben“ – nur nicht durch z.B. bestimmten Dauergebrauch eines Organes oder ähnlichem. Man kann auch sagen, Lamarck (ein Vorläufer Darwins) hatte recht auf der Ebene der Genotypen, lag aber falsch auf der Ebene der Phänotypen. Die gering voneinander abweichenden Formen stehen in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt. Diese Umwelt nun ist sehr facettenreich. Sie besteht u.a. aus dem Klima, dem Nahrungsangebot und Fressfeinden sowie v.a. aus den konkurrierenden Mitgliedern der eigenen Art. Darwin vermutete, dass diejenigen Exemplare einer Art, die erfolgreich bis zur Fortpflanzung überlebten, ihre Eigenschaften an einige ihrer Nachkommen weitergaben, andere aber davon abwichen, teils mit nachteiligen Folgen und teils mit verbesserten Fähigkeiten. So konnten z.B. Vögel mit härteren Schnäbel bisher ungenutzte Früchte verzehren und damit neue Nahrungsquellen erschließen, usw. So züchtet also die Umwelt Spezialisierungen heran und ermöglichst so eine immer größere Verbreitung und ein immer größeres Eindringen der Lebewesen in die natürlichen Ressourcenquellen. Das ganze ist viel weniger ein Vorgang permanenter Kriegsführung unter den Lebewesen als vielmehr eine Anpassung an die Umwelt. Das kann gar nicht genug betont werden, denn ein nicht geringer Teil gegnerischer Argumentation bezieht sich auf einen vermeintlich grausamen Daseinskampf, in der alle Mittel zur Niederkämpfung von Feinden vorkommen. Sicher – das Beutegreifen existiert. Aber eine nähere Betrachtung dieses vermeintlichen „Hauens und Stechens in einer blutigen Natur“ führt zu der Erkenntnis, dass genau das zur Aufrechterhaltung intakter Biotope notwendig ist. Es ist – um wieder eine plakative Formulierung zu benutzen – allemal besser, sich Hauskatzen zu halten, als permanent mit Chemikalien zur Abwehr einer überzogenen Kleinnagerpopulation zu hantieren. Eine Erkenntnis, die zumindest in früheren Zeiten noch jeder Landwirt beherzigte – auf Höfen waren meist mehrere Katzen „tätig“.

Darwins Entdeckung beruht auf der Schlussfolgerung einer ausgedehnten Sichtweise. Indem er seinen Fokus der Erkenntnis immer weiter ausweitete, erkannte er, dass der Mechanismus, der zutreffend für die Variationsentstehung innerhalb der Gattungen (das bestreitet heute auch kein intelligenter Gegner seiner Theorie mehr) galt, auch darüber hinaus gültig sein müsste: Bis zur Zeugungsfähigkeit überlebensfähige Lebewesen stellen diese unterschiedliche Variationen dar, die gemäß ihren Fähigkeiten an unterschiedliche Umwelten angepasst sind, im Laufe der Zeit weiter variieren und sich damit immer mehr von ursprünglichen Typen entfernen bis ein Punkt erreicht ist, der keine Kreuzung mehr mit früheren Typen erlaubt und so neue Gattungen hervorruft. Dabei spielt auch die sog. sexuelle Zuchtwahl eine wichtige Rolle und scheint zuweilen sogar gegen die Fitness zu arbeiten (das Gefieder des männlichen Pfaus z.B. scheint eher ein Hindernis als ein Vorteil zu sein, tatsächlich aber weist ein farbenprächtiges Gefieder auf gute Gene hin). Somit entdeckte Darwin in der Variation (Mutation), der natürliche und sexuelle Selektion die Motoren der biologischen Evolution und machte damit die früheren Annahmen übernatürlicher Ursachen schlicht und einfach überflüssig. Bei allen Detaildefiziten – die z.Z. Darwins noch sehr viel umfangreicher waren als heute – wurde mit seiner Entdeckung der Welt doch ein naturwissenschaftlich taugliches Modell gegeben, dass heute fast überall grundlegend anerkannt wird. Und doch wird seit Darwins Tagen leider nicht nur fachlich darüber gestritten, sondern oft auch höchst emotional bis hin zu gegenseitigen Gehässigkeiten. Es argumentieren leider manche nicht so elegant und souverän wie der stets differenziert und tolerant denkende Inhaber dieses Blogs z.B. im Forum „Freigeisterhaus“ oder in Rezensionen, usw.

Da werden manche gar promovierte Zeitgenossen nicht müde, der Evolutionstheorie eigentümliche Verantwortlichkeiten bis hin zu Abtreibungs- und Euthanasiefragen anzudichten (von der alten „Nazikeule“ ganz zu schweigen). Vielleicht sollte man den alten Darwin beneiden, der sich das alles nicht mehr anhören muss (die Anfänge der Kritik hat er ja noch mitbekommen, sich aber dieser Debatten aus gesundheitlichen Gründen entzogen und sie dem jüngeren Huxley überlassen).

Es mag ja sein, dass es Argumentationen gibt, die bei einem Fötus nur von einer tierische Vorstufe zum Menschen ausgehen, die keine Persönlichkeit ausgebildet hat und die man deshalb ohne weiteres töten könnte. Eine solche Sichtweise ist allerdings falsch, denn der Mensch ist Programm und nicht erst ab einer gewissen Ausdifferenzierung dieses Programms ein Mensch. Sonst müsste man erst ab dem 20.Lebensjahr von einem Menschen sprechen, denn so lange braucht unser Gehirn bis zur Reife. Und was die Euthanasie anbetrifft, so hat m.E. nur der Mensch, der ab einem gewissen Punkt einer sehr schweren und eindeutig unheilbaren Krankheit seinen Tod verfügt, das moralische Recht dazu. Problematisch wird dieses, wo eine solche Verfügung nicht vorliegt und der Patient nicht mehr ansprechbar ist und keine Zeichen einer wie auch immer gearteten Lebensfreude zeigt (z.B. bei Dauerkoma). Man kann es aber m.E. u.U. ethisch vertreten, die entspr. Geräte abzuschalten, damit diese anderen zur Verfügung gestellt werden können. Das sind sehr schwierige medizinische und juristische Fragestellungen, die gewiss nicht mit kollektiven Empfehlungen oder gar religiösem Bedrohungspotential beantwortet werden können. Es ist immer der Einzelfall genauestens zu untersuchen. M.E. ist hier der Weg der Barmherzigkeit entscheidend und kein wie auch immer geartetes Dogma. Das gilt auch für besonders komplexe Probleme bei Abtreibungsfragen. Ich verabscheue kollektive Rundumschläge dummdreister Besserwisserei oder stupiden Moralismus – gleich welcher Coleur.

Tatsache bleibt, dass es in vielerlei Hinsicht falsch ist, den Menschen und seine Gesellschaft auf Regelungsmechanismen tierischer oder pflanzlicher Biotope zu reduzieren. Außerdem findet man sogar bei genauer Betrachtung im Tierreich, dass z.B. es sich bei den Elefanten um eine Tierart handelt, die sehr viel älter wird, als es bis zur Zeugungsfähigkeit und erfüllten Brutpflege nötig wäre. Die alten Elefanten nämlich haben ein Wissen über die Umwelt gespeichert, dass der ganzen Gruppe zugute kommt, also haben wir hier einen Selektionsvorteil. Wenn man also – absurderweise - mit evolutionsbiologischen Kriterien nach einem Selektionsvorteil von behinderten Menschen fahnden würde, müsste man den Blick auch auf die anderen Menschen werfen. Man könnte sogar fündig werden, denn die Pflegetätigkeit könnte Menschen mit besonders ausgeprägten Orbitofrontalcortizes oder OFC (Sitz der sozialen Fähigkeiten, Gewissen, Über-Ich) für diese Tätigkeit selektieren (das derzeit oft Gegenteiliges zu vernehmen ist, liegt mehr an einer absurden Gesundheitspolitik und weniger an der geringen Zahl kompetenter PfegerInnen). Dieses aber – ich spinne das mal etwas weiter – wäre zweifellos zur Hervorbringung eines besseren Menschentypus geeignet, da der OFC ein „Antagonist“ zu den „alten egoistischen Programmen“ ist. Altruismus ist eine biologisch- und kulturevolutionäre Erwerbung, über den möglicherweise die zukünftige Entwicklung ablaufen wird. Altruismus stand schon ganz am Anfang, als es zur Herausbildung von Vielzellern kam. Altruismus ist immer auch vorhanden bei staatenbildenden Insekten und jeder Tierhorde sowie ohnehin bei jeder Art von Brutpflege. Zweifellos sind Hindernisse zu überwinden, die in unserem Fall nicht zuletzt in einer falschen oder instrumentalisierten Sicht der Evolutionsbiologie bestehen.

Last not least ein paar Worte zu der Befürchtung, die Entdeckungen Darwins hätten dem Gottglaube den Garaus gemacht oder wären zumindest geeignet, den Atheismus zu propagieren: Tatsächlich hat ja Richard Dawkins seinen Atheismus v.a. mit Darwins Entdeckung begründet. Aber muss deshalb das, was einen Dawkins motiviert, grundsätzlich gelten? Ich vertrete ganz frech die gegenteilige Auffassung. Für mich ergibt sich evolutionsbiologisch der Befund einer fortschreitenden Hervorbringung von immer bewusster werdenden Lebensformen, die in eine sich als immer großartiger erweisende Welt hineinwachsen. Aber wir sind dennoch in unserem Erkenntnisvermögen begrenzt und werden das auch bleiben, obwohl unsere Welt, die immer nur ein Rekonstrukt einer mit Sicherheit größeren Welt bleiben wird, eine für jedes Tier unvorstellbare Ausdehnung aufweist, die bis zu den Grenzen unseres Verstandes reicht, welche sich z.B. bei den Paradoxien quantenphysikalischer Phänomene offenbaren. Wenn man nicht im anthropozentrischen Mittelpunktswahn ge- oder befangen bleiben will, muss man anerkennen, dass all unser Weltverständnis letztlich insulär ist, wir sitzen quasi auf einer epistemologischen Insel und begehen dabei oft den Fehler, diese für alles zu halten, was es gibt. Den Ungeist einstiger Zentriertheit mit Kopernikus, Darwin und Freud hinausgeworfen, sollten wir aufpassen, denselben nicht auf den Umweg einer anthropozentrischen Ontologie andere Art wieder Raum zu geben. Gewiss ist mit Darwin ein abstruser antropomorpher Gottglaube, der auf einer antiken augenscheinlichen Weltsicht beruhte, dahingegangen. Aber dafür ist ein Gottglaube, der den ganz ursprünglichen des Nichterfassbaren, des Bilderlosen, sogar sehr nahe kommt, allemal möglich, der m.E. allemal besser in einer ungeheuer weiten und komplexen Welt seinen Ausdruck finden kann, als im kärglichen Rahmen einer wenige Tausend Jahre alten Miniwelt mit fest definiertem Anfang und Ende, die im übrigen Gottes wegen ihrer Mickrigkeit gar nicht würdig wäre. Dass intelligente Menschen dennoch annehmen, die Welt (aka Universum) sei mit all ihrer Größe und Komplexität nur wenige Tausende Jahre alt ist, spricht sogar gesicherten astrophysikalischen Befunden Hohn. Wie kann es denn angehen, dass wir trotz unserer letztlich beschränkten Erkenntnisfähigkeit (s.o.) doch immerhin soweit kommen konnten, diese Dinge präzise zu erforschen, wenn derlei doch gar nicht stimme? Tatsächlich ist es doch nur vernünftig, von einer noch größeren Welt auszugehen und keinesfalls von einer kleineren, auf wortwörtlich verstandene Urtexte – deren Sinn ein ganze anderer ist als die Lehre der Naturwissenschaft - bezogenen.

Wie ich hoffentlich kurz zeigen konnte, ist die Instrumentalisierung von Darwins Entdeckung zu ganz anderen als zu naturwissenschaftlichen Zwecken widerlegend kritisierbar. Darwin war nicht der „Kaplan des Teufels“ – wie eine Sendung über ihn betitelt wurde - und er war auch kein geistiger Vater all der Greueltaten, deren Verantwortliche sich auf ihn direkt oder indirekt bezogen und er ist – um das noch zu erwähnen – auch nicht für den Neoliberalismus, Abtreibung, Euthanasie, usw. verantwortlich. Darwin war v.a. ein Mensch, der sich nicht scheute, den wissenschaftlichen und theologischen Dogmenapparat seiner Zeit zu hinterfragen durch die sich ihm zwingend aufdrängenden Erkenntnisse langjähriger Forschungsarbeit. Dabei war er stets vorsichtig und bedacht – machte sich nie zum eifernden Kämpfer in eigener Sache und entging so auch den Schlammschlachten, die wir leider bis heute noch zuweilen erleben müssen. Zudem hat er m.E. etwas sehr Schönes herausgefunden, nämlich die Verwandtschaft allen Lebens miteinander. Wenn wir eine Katze streicheln, so berühren wir den Nachkommen eines frühen Abkömmling eines „Astes eines Baumes“, der auch uns „hervorgebracht“ hat. Und wenn wir in den Sternenhimmel schauen, so mögen wir die Reste dessen darin finden, was einst die Bühne bereitet hat für das große Drama einer biologischen und kulturellen Evolution, von dem uns Charles Darwin ein gutes Stück zu berichten wusste. Thank You, Charles!

Gruß an die LeserInnen
Egon

Bremen, 10.03.2009

Evolution und Intelligent Design in Hinblick auf dualistische Geist-Materie Vorstellungen

5. Juni 2008

Gastbeitrag [ für Form und Inhalt ist der Autor verantwortlich ]

Evolution und Intelligent Design in Hinblick auf dualistische Geist-Materie Vorstellungen

(dieses ist eine überarbeitete Fassung meines Beitrages “Geist und Natur” im Hoimar-von-Ditfurth-Forum)

Intelligent Design (ID) vertritt m.E. eine dualistische Ontologie, denn seine Voraussetzung beruht auf eine Trennung von Geist (Intelligenz) und Materie (Design). Designen oder Gestalten (komplexer Innovationen) ist ein materieller Prozess. Dem Gestalten voraus geht aber eine Vorstellung oder Idee über das zu Gestaltende. Somit ist ID platonisch, d.h. idealistisch zu verstehen, also Philosophie und keineswegs neu. Die ID-Vorstellung ist inhärent partiell vorhanden in Teilen der idealistischen Philosophie. Kennzeichnend ist all diesen Ansichten der Primat des Geistes, der bei ID allerdings nicht alles hervorbringt (sukzessive linear, dialektisch oder spontan) sondern nur die Innovationen im Verlauf der transspezifischen Evolution. Damit tut sich der Verdacht auf eine “Halbe-Eier-Ansicht” auf, denn über die Herkunft der Materie an sich macht ID m.W. keine Aussage, sondern “operiert” im Bereich schon vorhandener Strukturen und Prozesse, erkennt sogar materiell-immanente Prozesse - wie die spezifische Evolution - an. Warum aber sollten z.B. nicht auch die Atome und Moleküle gestaltet sein? Ihre Komplexität - von der ein Paley ebenso wenig wissen konnte wie ein Darwin - ist durch unser Vorstellungsvermögen gar nicht erfassbar, denn die ihr Daseins konstituierenden Quantenvorgänge sind bizarr und dem common sense widersprüchlich.

ID entstammt natürlich keiner philosophischen Schule sondern ist ein Produkt US-amerikanischer Kreationisten, die ihre bibelverbalistischen Ansichten gerne in den Biologieunterricht untergebracht sähen, aber an der dortigen Rechtslage scheiterten. Also wurde der ursprünglich eng gefasste Kreationismus (6 x 24h Schöpfung, globale Flutkatastrophe, usw.) verallgemeinert, d.h. seiner spezifisch religiösen Aussagen entkleidet und als allgemeine Signalerkennungstheorie hinsichtlich der Erkennbarkeit intelligenter Urheberschaft v.a. in Bezug auf die Gattungen der Lebewesen neu formuliert. Denn die Gattungen sind es, die lt. ID Innovationen in den Reichen des Lebens aufweisen, deren Ursprung ihrer Ansicht nach nicht auf naturalistisch erklärbare Ursachen und Umstände rückführbar sind. Ob dieser Ursprung auf einen personalen Willen (z.B. eines Gottes), eines wie auch immer gearteten intelligenten, entropiesenkenden Feldes oder für unsere Spezies auf Dauer nicht erschließbar ist, lässt ID bewusst offen, so dass auch ein Atheist oder Agnostiker dem im Prinzip zustimmen könnte. Allerdings scheint es nicht viele Atheisten oder Agnostiker zu geben, die von diesem “Angebot” Gebrauch gemacht haben. Das “Big Tent” der ID-Gemeinde beherbergt m.W. nur Schöpfergottgläubige, die durchaus strictu sensu nicht miteinander übereinstimmen. Übereinstimmung besteht aber zweifellos in dem Glauben an dem Primat des (schöpferischen) Geistes. Wir haben es also meiner Ansicht nach mit einer Variante des alten Geist-Materie- oder Leib-Seele-Problems zu tun und nicht mit dem, was man landläufig unter Kreationismus versteht.

Auf den ersten Blick kaum erkennbar findet sich - ausgehend von ID - diese Problematik auch auf dem Gebiet der Neurowissenschaften wieder. Die Neurobiologie fußt zwar zum Teil auf die Evolutionsbiologie, weist aber eigene Erklärungsrahmen auf, die über die praktische Forschung hinaus ebenfalls Fragen z.B. nach der Entstehung bewusster Wahrnehmung in Bezug auf die Geist-Materie-Problematik aufwerfen. In meiner - natürlich nur laienhaften - Untersuchung bin ich u.a. auf - heute in manchen Aussagen sicher veraltete aber immer noch interessante - Texten des 1989 verstorbenen Wissenschaftsjournalisten Hoimar von Ditfurth gestoßen, die sich mit diesem Problem beschäftigen.

Hier ist v.a. sein Buch “Der Geist fiel nicht vom Himmel” zu nennen. In diesem Werk hat HvD wie bisher kaum ein anderer den weiten Bogen der Evolution der Bewusstseinsfähigkeit alles Lebendigen auf diesem Planeten bis zum Menschen gespannt. Ich schreibe “Bewusstseinsfähigkeit” und nicht “Bewusstsein” weil letzteres nach HvD m.E. an einer Umwelt gebunden ist, in die das Leben via Evolution hineinwächst. HvD war Dualist, was u.a. aus seinen Artikeln wie “Kritische Anmerkungen zur monistischen Interpretation des Leib-Seele-Problems” (in “Unbegreifliche Realität”) und “Materie und Geist” (in “Die Sterne leuchten auch wenn wir sie nicht sehen”) hervorgeht. Diese und andere Artikel (Essays und Vorträge) sollten m.E. immer in Kontext mit dem o.g. Buch gesehen werden. Die dualistische Sicht HvDs ist zu unterscheiden von der Sicht des Neurophysiologen J. C. Eccles, dessen Argumente - wie HvD gleich zu Anfang von “Geist und Materie” schreibt - “sicher zu Recht auf entschiedene Ablehnung gestoßen sind”. Denn - so müsste man heute mit dem Neurobiologen Gerhard Roth fragen - wenn es eine “geisthafte” Beeinflussung z.B. der senso-motorischen Bereiche (das sind die Areale, in denen der sog. Penfieldsche Homunkulus, das bekannte “verzerrte” Abbild des Körpers codiert ist) im Großhirn gäbe, warum wirkt dieser “Geist” dann nicht gleich auf die Zielorte der sog. extrapyramidalen Bahnen, also auf die Wirkungsorte motorischen Geschehen in den Muskeln? Weiterhin müsste man fragen, ob nach Ockhams Ausschlussprinzip überhaupt eine solche “geisthafte” Beeinflussung zur Erklärung nervöser und psychischer Phänomene erforderlich ist oder ob derlei nicht schlüssig und zufriedenstellend besser ohne derlei “Zusätze” auskommt.

Der Ansatz HvDs argumentiert allerdings von vornherein anders. In seinem o.g. Buch, in dem der habilitierte Psychiater HvD nicht “nur” wissenschaftsjournalistisch schreibt, sondern auch seine Fachkenntnisse einfließen ließ, wird Bewusstsein nicht auf höhere Säuger mit komplexen Gehirnen beschränkt. Es wird nicht einmal auf das Vorhandensein spezialisierter Zellen, wie den Neuronen beschränkt, sondern ist bereits im Verhalten von Einzellern wie z.B. den Amöben vorhanden. Denn diese verfügen zweifellos bereits über das Vermögen der Unterscheidung, mit dem sie Nahrung und Gefahren erkennen.

An dieser Stelle ist ein Einschub erforderlich: Der Begriff “Bewusstsein” vermag möglicherweise zu Irritationen führen, da er von uns meistens mit der Selbstverständlichkeit von Alleineigentümern gebraucht wird. Wir - die Spezies homo sapiens sapiens - erleben unser Sein bewusst, während wir davon ausgehen, dass dieses - zumindest bei sog. niedrigen Lebewesen - nicht der Fall ist. Wir ziehen somit eine Grenze, die in Wirklichkeit so nicht besteht. Unser Sein, welches wir bewusst erleben, ist in Wirklichkeit auch nur ein Ausschnitt aus einer vmtl. sehr viel größeren Welt, die wir nur zu einem Teil in unseren Hirnen zu rekonstruieren vermögen. Wir leben also - auch ein Wort HvDs - nicht “wirklich” in der Welt, sondern nur in einem Bild der Welt. Diese Einschränkung aber haben wir mit allen anderen Lebewesen gemeinsam, nur das die Bilder von der Welt, über die sie verfügen, anders und weniger umfangreich als unser Weltbild sind. Ein Erleben ihrer Welt haben auch Amöben, Zecken, Vögel, usw. Es ist natürlich richtig, davon auszugehen, dass sich Amöben, Zecken, Vögel, usw. ihres Erlebens qualitativ nicht in dem Maße bewusst sind wie höhere Lebewesen, was wir u.a. an ihren stereotypen Verhalten hinsichtlich Reiz-Reaktions-Schemata erkennen. Dennoch handelt es sich in Bezug auf das Unterscheidungsvermögen auch schon beim Einzeller um einen selbsterhaltenden und -schützenden Vorgang, so dass wir vorsichtig von einer Art Proto-Selbst sprechen können, das mit einem für diese Lebewesen schlüssigem Verhalten einhergeht. Vor anthropomorphen Projektionen in das Tierreich sollte man sich selbstverständlich hüten - das überlassen wir den Disney-Studios. Ich gebrauche hier das Wort “Bewusstsein” synonym mit dem Wort “Geist”.

HvD hat sich natürlich in seinen Schriften u.a. auch mit den Problemen der Energieerhaltung und der Kausalität auseinandergesetzt - zwei gewichtige Gründe, die scheinbar eine Interaktion mit Geist ausschließen. Er warnt vor einem überzogenen “Kausalitätsloyalismus” und einer fast ehrfürchtigen “Anbetung” des (uns bekannten) Energieerhaltungsprinzips. De facto zeigen ja u.a. auch Messreihen immer wieder eine gewisse Offenheit der Natur gegenüber idealisierten Naturgesetzvorstellungen. Und in der Tat wäre ein aus reinem und verengtem Kausalitätsdenken resultierender Determinismus eher ein “Rückfall” in ein mechanistisches Paradigma (z.B. eines “Laplaceschen Dämons”) als ein Akzeptieren des für den heutigen Stand v.a. in der modernen Physik angemessenen erweiterten Paradigmas.

Die evolutionsbiologische Argumentation von HvD ist weder monistisch-materialistisch noch idealistisch-teleologisch (wie z.B. die des Paläontologen und Jesuitenpaters Pierre Teilhard de Chardins). HvD geht - wie schon im o.g. Einschub angedeutet - von einer evolutionären Erweiterung des Welterfassens in Gestalt unzähliger, durch die bekannten Evolutionsmechanismen hervorgebrachter Organismen aus. In jeder Minute betreten Milliarden von Lebewesen die Bühne unserer Erde und in jeder Minute sterben Milliarden von ihnen. Und immer gibt es hier und da winzige Veränderungen in den Genomen einzelner Lebewesen, deren genaue Ursachen oft unklar sind. Schon hier kann man - ohne die Quantenphysik zu bemühen - erkennen, dass kein plumper Determinismus am Werke ist. Und doch hat es den Anschein, als ob in all dem Chaos von Katastrophen, Seuchen und Kriegen ein Vektor zu erkennen ist, der in Richtung eines vielleicht einmal vollkommenen Weltverständnisses einer uns haushoch überlegenen Spezies weist. Die evolutionsbiologische Hervorbringung immer neuer Qualitäten ist nicht allein eine Anpassung an eine gegebene Umwelt sondern auch eine Entdeckung neuer und vorher gänzlich unbekannter Bereiche. Fragen wir uns doch mal, worin der biologische Mehrwert der Relativitätstheorie oder der Quantenphysik liegt. Fragen wir uns weiterhin, worin dieser Mehrwert bei einer Beethovensymphonie oder den Bildern von Picasso oder Dali liegen. Eben weil die Evolution nicht mechanisch-deterministisch verläuft, können Dinge entstehen und Bereiche “erobert” - oder doch wenigstens z.T. einsehbar gemacht werden, die zuvor gar nicht erkennbar waren.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist die nach dem Schon-Vorhandensein von Bereichen, bevor wir von ihnen und ihren Qualitäten Kenntnis erhalten konnten. Sie ist allem Anschein nach zu bejahen. Damit werden radikalkonstruktivistische oder solipsistische Ansichten abgewiesen, die von einer Welterfindung fabulieren statt von einer Weltentdeckung. Warum auch evolutionsbiologisch orientierte Biologen Anhänger des radikalen Konstruktivismus sein können - was natürlich ihr gutes Recht ist -, ist mir schleierhaft, da sie doch wissen müssten, dass allein schon der Fossilbefund von einer längst vergangenen Zeit kündet, in der es noch keine Menschen und mithin auch keine Vertreter ihrer Weltsicht gegeben hat. Eine Weltschöpfung durch das Denken der Subjekte findet also nicht statt, wohl aber eine “Weltfärbung” und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn Farben sind tatsächlich subjektive Konstrukte. Der radikale Konstruktivist überzieht m.E. derartige Erkenntnisse in das Extrem einer Allerfindung, zu

dessen Bestandteilen aber er selber, sein eigenes Sein, auch gehört, was unweigerlich in eine nicht auflösbare Zirkularität führt. Natürlich kann er behaupten, dass sei eben der Modus dieser Welt und sich mangels Widerlegbarkeit solcher Allerklärungen immunisieren. Evolutionsbiologisch gesehen ist das Nonsens, da ein derart argumentierender Artgenosse sich damit einem hemmungslosen anthropozentrischen Mittelpunktswahn hingibt. Hemmungslos deswegen, weil die ganze Welt dann ja seine Schöpfung und er damit Gott wäre (wohingegen angesichts seiner Unfähigkeit, eine problemlose Existenz zu sein und v.a. seiner Sterblichkeit wegen er am Ende sich wohl eher als “armer Teufel” erwiese). Wir können also m.E. getrost davon ausgehen, dass Welt unabhängig von uns existiert. Wenn aber Welt existiert und sich diese dem Leben erschließt, ist ihr Sein dann nur auf materiell-energetische Prozesse beschränkt oder gibt es tatsächlich Geist bzw. Bewusstsein als ebenso erschließbare Qualität?

Das konkrete Entdecken des Bewusstseins (Geistes) an sich harrt noch seiner Verwirklichung. Von der aktuellen Neurobiologie fast vollständig ignoriert, müssen wir uns anscheinend mit dem Begriff der Qualia begnügen, die nach aktuellem fachlichen Weltbild alleinig neuronal hervorgebracht betrachtet werden. Mit anderen Worten: Bewusstsein ist nach der zeitgenössischen Vorstellung prominenter Hirnforscher ein Sammelbegriff für Bewusstseinszustände, die allesamt ihr materielles Substrat in diversen Hirnarealen aufweisen und vom Gehirn an sich hervorgebracht werden. Oder ganz trivial: Bewusstsein ist ein Hirnprodukt.

Die Beweislage sieht erdrückend aus: Mit modernen bildgebenden Verfahren, EEG, bestimmten Substanzen und punktuellen Reizungen oder transkranieller Magnetstimulation, usw. lassen sich viele Effekte nachweisen, die auf eine Veränderung von Bewusstseinszuständen hindeuten. Libet, Haggard, Eimer und Hayes konnten gar nachweisen, dass das sog. laterale Bereitschaftspotential in den entsprechenden Neuronennetzwerken zeitlich vor dem bewussten Willensakt liegt. Man kann sogar die senso-motorischen Cortizes so reizen, dass die betroffene Person glaubt, die daraus folgende Handlung (z.B. das Heben eines Arms) sei von ihr bewusst so gewollt. Noch dramatischer sind die Befunde bei Patienten, die sehen, ohne das ihnen das Sehen bewusst ist. Schließlich lassen neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Alzheimer auf oft entsetzliche Art und Weise die Beobachtung eines sterbenden Gehirns zu. Beginnend mit einem erhöhten Maß an alltäglicher und normaler Vergesslichkeit weitet sich diese Demenz über Jahre bis zum Zusammenbruch des Persönlichkeitshirnkonstruktes aus, um dann nach schlussendlicher Ausbreitung in die Regionen der formatio reticularis lebenswichtige Regelungswerke, v.a. auch die Regelung des Immunsystems, anzugreifen, was dann i.d.R. zum Exitus via Infektionskrankheit bei einem nurmehr vegetierenden Menschen führt.

Hängen wir nach derlei Befunden nicht hoffnungslos veralteten - gar vorwissenschaftlichen -Weltbildern an, wenn wir die Existenz einer “Bewusstseinswelt” unabhängig vom Gehirn in Erwägung ziehen? Gleichen wir vielleicht jenen alten Hirnantomen, die von einem sog. obersten Wahrnehmungszentrum, das sie in der Epiphyse vermuteten, ausgingen und dort die Schnittstelle zum Geist zu sehen glaubten, obwohl längst bekannt ist, das unser Gehirn eher einem Orchester ohne Dirigent (Wolf Singer) gleicht und die Epiphyse hauptsächlich Melatonin produziert und damit die Regulierung des Wach-Schlafrhythmus beeinflusst?

Selbstverständlich existiert kein oberstes Wahrnehmungszentrum im Gehirn und auch keine spezifische Materie-Geist-Schnittstelle. Dieses ist ja gerade der Punkt, um den sich Eccles erfolglos bemüht hatte. Und natürlich ist das Gehirn der Ort für unsere Bewussteinsprozesse - daran zu zweifeln, wäre töricht. Und weil das Gehirn dieser Ort ist, lassen sich Bewusstseinszustände auch dort manipulieren. Was den sog. freien Willen betrifft, so ist auch dessen Infragestellung nicht neu - schon Freud hatte erkannt, dass wir nicht “Herr im eigenen Haus” sind und der uralten Begriff des Schicksals (Karma, Erwähltsein, usw.) kann durchaus als ein “frühes Ahnen” von in der Tat vorwissenschaftlichem Denken dieses Umstandes gedeutet werden. Vorwissenschaftliches Denken ist aber nicht deswegen zu kritisieren, weil es grundsätzlich falsch sei, sondern weil es nicht hinreichend für eine Beschreibung oder Modellierung neuer Theorien ist, die immer wieder bei Vorlage neuer Sachverhalte erforderlich werden.

Aber ist das Weltbild, welches die moderne Neurobiologie suggeriert, wirklich so schlüssig, wie es durch die zweifellos beeindruckenden Forschungserfolge erscheint? Die nobelpreisgekrönten Wissenschaftler Hubel und Wiesel hatten mit schon modernen Mitteln eine Wahrnehmungsverabeitungstheorie vorgelegt, die einige Zeit als unumstößlich galt. Als dann jemand seine Elektroden bei einem Versuchstier einmal in einem ganz anderen Hirnareal hineinsteckte, sah er zu seiner Verblüffung, dass auch dieses am entsprechenden Prozess maßgeblich beteiligt war, was nach Hubel und Wiesel aber nicht sein durfte (so gemäß eines Vortrags von Gerhard Roth). Folglich wurde dem in der Fachwelt zunächst keine Beachtung geschenkt. Heute weiß man um die große Neuroplastizität und die schon an holistische Strukturen erinnernde Funktionalität des Gehirns (tatsächlich hatte Karl Pribram in den 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts entsprechende holistische Hypothesen aufgestellt, die sich aber als inkorrekt erwiesen). Daraus aber wurde sofort eine Schwierigkeit immer deutlicher: Wie bringt es das Gehirn fertig, alle die in unterschiedlichen Arealen und Netzwerken verteilten über Synapsenwichtungen eingespeicherten Codes der Umwelt wieder in ein stimmiges Bild zu verwandeln? Einen Koordinator gibt es nicht - abgesehen von bestimmten Organisationsschritten, die vom Hippocampus aus erfolgen (das Gehirn arbeitet weiter - wenn auch erheblich schlechter - bei zerstörtem Hippocampus; es können dann keine Erinnerungen mehr gebildet werden weil das zwischenspeichernde System (aka Kurzzeitgedächtnis) entfallen ist; wenn aber der HC im frühen Lebensalter entfernt wird bzw. bei der Geburt nicht vorliegt, übernehmen andere Bereiche dessen Aufgabe und die Defekte halten sich in akzeptable Grenzen).

Das als Binding-Problem bekannte Rätsel konnte bislang noch nicht zufrieden stellen gelöst werden; es existieren wesentlich zwei Hypothesen die über synchrone Frequenzen (Franzisko Varela) und zeitsynchrones Einspeichern sog. Assemblies (Wolf Singer) argumentieren. Das subjektive Erleben hingegen bleibt vmtl. auch weiterhin ein Rätsel, denn man findet zuweilen auf der neuronalen Ebene dieselben Prozesse bei unterschiedlichem Erleben oder unterschiedlichen Voraussetzungen. Ein - zugegeben etwas kantiges - Beispiel wäre das Glücksempfinden. Dieses wird angekündigt durch Dopaminanflutung (Motivator) im präfrontalen Cortex und erfüllt durch Aktivierung des nucleus accumbens, der für die Anflutung des PFC mit Endorphinen sorgt. Der Vorgang ist immer der gleiche, ohne Unterschied ob sich gerade ein Sadist vergnügt oder ein altruistisch handelnder Mensch sich über das Glück anderer Menschen freut, das er bewirkt hat (der jesuanische Spruch “Geben ist seliger denn Nehmen” hat durchaus seine Berechtigung und sollte öfters praktiziert werden). Wer oder was aber erlebt dieses Glück (oder den Schmerz, der beim Andocken der berüchtigten Substance P an den entsprechenden mit diesen Rezeptoren ausgestatteten Neuronen auftritt wobei die Gehirnneuronen nicht über diese Rezeptoren verfügen und doch den Schmerz erst bewusst machen - das Gehirn kommt in unserer fühlenden Wahrnehmung gar nicht vor)? Eine Suche nach einem Ich oder Selbst bleibt erfolglos, nachdem wir ohnehin das oberste Wahrnehmungszentrum oder “gnostische Neuronen” ad acta legen mussten. Wir finden ja sowieso weder Gedanken noch Gefühle im Gehirn sondern nur Strukturen und Prozesse, die ohne jeden Zweifel eng mit dem Denken und Fühlen zu tun haben. Wir könnten versuchen, uns mit der Behauptung zu retten, indem wir sagen, Bewusstsein sei ein (emergentes) Phänomen, das auftritt, wenn bestimmte hochkomplexe neuronale Strukturen vorhanden und belebt sind. Warum ist aber dann das sehr komplexe und in seiner Struktur der Großhirnrinde vergleichbare Kleinhirn völlig unbewusst (ganz abgesehen davon, dass auch Teile des Neocortex unbewusst sind trotz identischem Aufbau mit dem als bewusstseinfähig erkannten Teilen, insbesondere dem PFC)? Vmtl. lässt sich das Rätsel nicht lösen, wenn man nur die Anatomie, die Strukturen analysiert. Wenden wir uns also den Prozessen zu. Aber auch das stellt uns nicht zufrieden, denn was soll denn an einem An- und Abfluten von Neuromodulatoren, von physiko-chemisch schlüssig erklärbaren synaptischen Geschehen nebst Synapsenumbau über Kaskadenprozesse in den Neuronen bewusst sein? Und bei den Signalen in den Axonen und Dendriten wird es noch trister, denn diese gleichen sich in ihrer Qualität alle, weil sie immer von denselben Depolarisierungsvorgängen der Zellmembran herrühren; es gibt keine spezifischen Hör- oder Bildsignale (was u.a. zu dem Phänomen der sog. Synästhesien führen kann - Hörsignale können wie optische Signale verarbeitet werden und erzeugen dann Farbeindrücke - nur wo entstehen diese Eindrücke und wer oder was nimmt sie wahr?). Die Neurobiologie ist trotz ihrer Erfolge anscheinend noch weit davon entfernt, das Phänomen Bewusstsein schlüssig und stimmig zu erklären.

Aus den hier nur kurz angerissenen Problemen lässt sich natürlich nicht einfach via argumentum ad ignorantiam ein Beleg für eine alternative Position zum Identismus oder Epiphänomenalismus (hier nicht näher erklärt, aber ohnehin von der Mehrzahl aller Forscher abgelehnt) fertigen.

An dieser Stelle aber dürfte deutlich werden, dass sich die ID-Problematik durchaus mit dem hier angesprochenen Problem ähnelt. Auch ID ermangelt es an Belegen. Auch ID bezieht sich auf Erklärungsdefizite. Vor allem aber vermutet auch ID eine Art Geist, der auf Materie einwirkt. Die Lösung beider Probleme könnte ein und dieselbe sein. Sie könnte schlicht und einfach in der Anerkenntnis der Mehrdimensionalität aller Phänomene bestehen von denen uns nur vier zugänglich sind.

Wie könnte man derlei experimentell untersuchen? Dazu fallen mir die sog. außerkörperlichen oder extrasensorischen Wahrnehmungen ein, wie sie reanimierte Menschen zuweilen berichten. Peter Fenwick hat 2005 ein Experiment gestartet, um die Angaben solcher Reanimierter zu überprüfen. Dazu werden in Operationssälen in England Poster mit Zahlen so angebracht, dass sie nur von der Decke des Raumes lesbar sind. Geben nun eine signifikant ausreichende Anzahl reanimierter Patienten diese Zahlen korrekt wieder, hätten wir einen wissenschaftlichen Beleg für ein nicht mit dem Gehirn identisches Wahrnehmungsgeschehen mithin ein Indiz für die Mehrdimensionalität von der das neuronalen Geschehens nur einen Teilaspekt darstellt. Leider habe ich trotz Suchens im Internet bislang keinen aktuellen Stand dieses Experiments gefunden und wäre dankbar, wenn jemand hierzu etwas schreiben würde. (1)

Bei hochsensiblen (angeblich reproduzierbaren) Wägexperimenten glaubt Klaus Volkamer - von der gängigen Physik nicht erklärbare - Massezuwächse gefunden zu haben - also auch hier eine Einwirkung auf materielle Strukturen, die nicht nach den derzeitigen Vorstellungen von Energieerhaltung erklärbar sind. Volkamer hat dazu eine Theorie einer 12-dimensionalen Physik entwickelt und in seinem Buch “Feinstoffliche Erweiterungen der Naturwissenschaft” vorgestellt. Auch hierzu habe ich bislang keine gutachterlichen Hinweise gefunden und wäre auch hier dankbar für Kommentare.

In beiden Fällen ist mir eine Widerlegung ebenso wichtig wie eine Bestätigung, denn auch das “Abhaken” gescheiterter Ansätze ist wertvoll und lässt Rückschlüsse zu.

Danke fürs Lesen sagt in jedem Fall
mit freundlichen Grüßen

Egon

Bremen, 01.Juni 2008

(1)

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,270040,00.html

http://www.forum.brights-deutschland.de/viewtopic.php?f=6&t=1386

(2)

http://www.egotrip.de/bucher/06/0607_feinstoff.html

Intelligent Design (ID) und das Analogie-Argument: kritische Analyse einer Arbeit von Christoph Heilig (Teil 1)

23. Februar 2008


Heilig, C. (2008) ‘Das Analogieargument. Kritik und Gegenkritik’ Sokrates 2:19-38

(Zahlenangaben in [eckigen Klammern] beziehen sich auf diesen Artikel, [fn n] bezieht sich auf Fußnoten).

Allgemeine Einführung

Um die Lesbarkeit zu erhöhen, wurde dieser Beitrag für den Blog in eine Serie kürzerer Artikel aufgeteilt, die ich nach Fertigstellung hier veröffentlichen werde. Zurzeit existiert nur dieser Teil, weitere werden vermutlich folgen. Wie intensiv ich mich weiter mit Heiligs Artikel befassen werde, hängt nicht zuletzt von der Reaktion auf diesen Beitrag ab.

Der folgende Beitrag entstand zwar ‚aus aktuellem Anlass‘, war aber schon länger angedacht. Letztendlich suchte ich nach einem Aufhänger, um meine Einwände gegen ID (wider einmal) zusammenfassend darzustellen.

Angaben zum Autor

Christoph Heilig ist noch Schüler, hat sich aber in der deutschen ‚ID-Szene‘ längst einen Namen gemacht. Neben Postings in einschlägigen Internet-Foren hat er Beiträge für die Studiengemeinschaft Wort und Wissen verfasst, außerdem betreibt er einen Blog mit dem Titel „Evolution und Schöpfung“. Dort findet man eine Fülle von mehr oder weniger langen Texten von Christoph Heilig und anderen deutschen ID-Vertretern. Die Diskussionen zu diesen Beiträgen sind teilweise durchaus interessant. Nur am Rande sei bemerkt, dass sich die deutsche ID-Bewegung doch deutlich von der amerikanischen unterscheidet. Ich beziehe mich hier explizit auf die Angaben in Heiligs Artikel und gehe nicht auf Unterschiede zwischen den Positionen verschiedener ID-Vertreter ein.

Anmerkungen zu der kritisierten Arbeit

Der Text, auf den ich als Grundlage meiner Darstellung verwende, ist leider nicht frei im Internet zugänglich. Sokrates, „Die freie Zeitschrift für Philsophie“, in welcher dieser Artikel erschien, hat es bislang auf zwei Ausgaben gebracht und ist beispielsweise via Amazon für knapp 10 EUR zu erwerben. Eine in weiten Teilen übereinstimmende Version dieses Textes findet sich aber auch auf Heiligs Blog. Ich habe die gedruckte Arbeit deshalb vorgezogen, weil sie in in dieser Form nicht der ‚Flüchtigkeit‘ von Internet-Artikeln unterliegt. Eine nachträgliche Änderung ist bei Texten in Schriftform nicht mehr möglich.

Die äußere Form von Heiligs Artikel ist allerdings gedruckten Publikationen nicht angemessen: neben einer Vielzahl an Rechtschreibfehlern und ‚unüblichen‘ Formatierungen findet man auch Hinweise auf nicht vorhandene Abbildungen oder Quellenangaben, die im Literaturverzeichnis nicht vorkommen. In der vorliegenden Arbeit werde ich mich aber ausschließlich mit den Inhalten befassen.

Welche Argumente bringt ID im Allgemeinen vor?

ID wird nach der Auffassung (nicht nur) der deutschen Vertreter durch zwei Gruppen von Argumenten gestützt. [fn 1] Auf der einen Seite (‚negativ‘) wird versucht, Erklärungen für eine Evolution, die auf der Basis des Naturalismus [fn 2] erfolgen, zu widerlegen.

Die ‚negative‘ Argumentation: argumentum ad ignorantiam

Diese Vorgehensweise ist wenig überzeugend, denn sie basiert lediglich auf Wissenslücken. [fn 3] Jenseits der Grenzen des Wissens beginnt jedoch Nichtwissen, nicht Design. ID kann daher mit dieser Evolutionskritik prinzipiell kein Argument für die eigene Position vorbringen. Letztendlich ist dies für ID-Vertreter bestenfalls die Grundlage, ihren Ansatz überhaupt vertreten zu können. Sobald nämlich gezeigt werden kann, wie ein System ohne Design (in der Terminologie der ID-Vertreter ‚durch ungelenkte Naturprozesse‘) entstehen konnte, ist zwar nicht gesagt, dass ‚damals‘ kein Designer am Werk war, aber selbst ID räumt ein, dass in diesem Fall das Sparsamkeitsprinzip [fn 4] überzeugender wäre. Dieses Argument wird in der vorliegenden Analyse aber keine große Rolle spielen.

Die ‚negative‘ Argumentation: das Analogie-Argument

Auf der anderen Seite (‚positiv‘) wird ein Analogie-Argument [fn 5] bemüht: aus den Eigenschaften von Artefakten (darunter versteht man allgemein von Menschen geschaffene Gegenstände) soll angeblich darauf geschlossen werden können, dass auch Organismen durch einen Designer geschaffen sind. Organismen gehören aber zur Klasse der Naturgegenstände, also zu den Systemen, die nicht von Menschen geschaffen sind. Organismen weisen zudem eine besondere Eigenschaft auf, die sie von anderen Naturgegenständen wie Bergen oder Tropfsteinen unterscheidet: sie sind in der Lage, sich zu vermehren, indem sie unter Weitergabe von Informationen neue Generationen hervorbringen. [fn 6]

Das Analogie-Argument in Heiligs Artikel

Zu Beginn der Arbeit zitiert Heilig einige Passagen aus der klassischen Arbeit von Paley [fn 7], der aus Gemeinsamkeiten im Bau einer Taschenuhr und eines Organismus darauf schloss, dass auch Organismen einen Schöpfer haben müssen. Dieser Analogieschluss beschreibt nach Heilig immer noch die Position derer, die das „Forschungsparadigma“ [19] des ID vertreten. [fn 8]

Heilig ‚formalisiert‘ das Analogie-Argument zunächst wie folgt:

Es liegen zwei Objekte P und O vor, sowie das Wissen, dass P die Eigenschaft A besitzt. Des weiteren [sic] ist bekannt, dass P und O die Eigenschaften X, Y und Z teilen. Es gilt, zu untersuchen, ob auch O die Eigenschaft A besitzt. Das Analogieargument schlussfolgert, dass auch O die Eigenschaft A hat, da P und O die Eigenschaften X, Y und Z teilen und P die Eigenschaft A besitzt:

P hat die Eigenschaf [sic] A.

P und O haben die Eigenschaften X,Y und Z
—————————————————————-

Daher hat O die Eigenschaft A auch. [20]

Im konkreten Beispiel geht es, wie in der ID-Argumentation üblich, immer um den Vergleich von Artefakten und Organismen. Bei den beiden Systemen gemeinsamen Eigenschaften handelt es sich beim Analogie-Argument stets um solche, die Artefakte auszeichnen: „Zielgerichtetheit, Synorganisation usw.“ [20] Paley schloss so von den gemeinsamen Eigenschaften einer Uhr und der von Organismen auf deren Genese: die Eigenschaft A wäre in diesem Fall die gemeinsame Eigenschaft, dass diese Systeme geschaffen wurden. [fn 9]

Heilig weist selber darauf hin, dass diese Analogie nur sehr bedingt gilt: es gibt viele Beispiele, in denen Objekte, die in mehreren Merkmalen übereinstimmen, sich doch in anderen unterscheiden. Daher kann aus einigen gemeinsamen Eigenschaften nicht auf das Vorliegen einer weiteren gemeinsamen Eigenschaft geschlossen werden. Heilig macht das am Beispiel Mensch und Pflanze deutlich: obwohl Mensch und Pflanze in vielen Eigenschaften übereinstimmen, kann daraus beispielsweise nicht geschlossen werden, dass „in Pflanzen Blut zirkuliert“ [20]. Verglichen wir jedoch Mensch und Hund wäre der Schluss gültig. Heilig folgert, dass man zusätzliche Informationen über den Zusammenhang der interessierenden Eigenschaften benötigt. [ fn 10]

Heilig versucht nun, durch eine Erweiterung dieses Problem in den Griff zu bekommen:

Korrekt formuliert muss es also heißen:

P hat die Eigenschaft A.

P und O teilen die Eigenschaften X, Y und Z

Es ist kein Fall bekannt, in dem X, Y und Z auftraten, ohne dass sie von A begleitet wurden.

—————————————————————-

Deshalb hat O auch die Eigenschaft A. [20]

Heilig geht davon aus, dass seine Erweiterung von großer Bedeutung sei, und schreibt:

‚Es ist kein Fall bekannt, in dem mehrere Einzelkomponenten gemeinsam eine synorganisierte Funktionalität dieses Grades bildeten, ohne dass in den Prozess der Entstehung dieser spezifizierten Komplexität eine Intelligenz involivert [sic] war.‘ [20f]

In diesem Fall sei es unerheblich, ob das verglichene System noch weitere Eigenschaften aufwiese, die es von Artefakten unterscheide, solange diese Eigenschaften die eingeschobene Zeile („Es ist kein Fall bekannt, in dem X, Y und Z auftraten, ohne dass sie von A begleitet wurden.“ [20]) nicht falsch machen. Zu diesen Eigenschaften zählt Heilig explizit die Fähigkeit zur Reproduktion.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Heiligs Einfügung nicht das leisten kann, was sie seiner Meinung nach bewirkt. Infrage steht doch, ob auf die Eigenschaft ‚designed‘ in Organismen aufgrund bestimmter Eigenschaften, die in Artefakten stets zusammen mit ‚Design‘ vorkommen, geschlossen werden kann. Die Aussage, dass die infrage stehende Kombination zuverlässig auf Design hinweist, kann aber nur an Artefakten getestet werden. Denn nur hier ist bekannt, dass ein Designer am Werke war, daher kann nur hier untersucht werden, ob bestimmte Kombinationen nur vorliegen können, falls ein (menschlicher) Designer am Werke war. Geklärt werden muss daher an erster Stellle, ob die den Artefakten nicht zukommende Eigenschaft ‚descent with modification‘ [fn 11] nicht eben gerade diesen Unterschied machen kann: die Kennzeichen für Design könnten hier möglicherweise eben doch nicht auf Design beruhen.

Diese Frage kann aber prinzipiell nicht durch Untersuchung von Artefakten geklärt werden, sondern nur an den Organismen. Streng genommen kann diese Frage sogar nicht einmal an heutigen Organismen untersucht werden, denn ID geht, soweit mir bekannt ist, nicht davon aus, dass ein Designer bei jeder Embryonalentwicklung eingreift. Die Erbinformation in der befruchteten Eizelle ist daher auch nach Auffassung von ID durchaus in der Lage, zusammen mit anderen Informationen aus der Umgebung die Entwicklung eines Lebewesens zu steuern.

Ob im Falle von Lebewesen Design vorliegt, kann prinzipiell auf zwei Weisen nahegelegt werden: es könnte gezeigt werden, dass Organismen nicht ohne Eingriffe eines Designers entstehen können, genauer, im Lauf der Evolution so entstanden sein konnten, oder an den Organismen könnten sozusagen Spuren von Design erkannt werden, oder. Auch hier erkennt man wieder die Alternativen ‚negativ‘ und ‚positiv‘.

Wie schon erwähnt geht ID aber davon aus, dass weder über den Designer noch über die Art und Weise des Designs gültige Aussagen gemacht werden können, daher ist der erste Weg prinzipiell nicht möglich. Wie oben schon angemerkt kann nicht ausgeschlossen werden, dass es noch bisher unbekannte Mechanismen geben könnte, die das leisten, was wir zurzeit nicht ohne Eingriff eines Designers erklären können. [fn 12]

Die Tests basieren daher immer nur auf den Eigenschaften menschlichen Designs. Eine Begründung, warum sich auch göttliches Design an dessen Kennzeichen erkennen lassen sollte, wird nicht gegeben. Daher scheitert das Analogie-Argument zumindest zum derzeitigen Standpunkt der Erkenntnis. Der Rest des Artikels befasst sich eher nicht weiter mit dieser zentralen Frage, weil er nirgends zeigt, wie dieses grundsätzliche Problem gelöst werden kann. Heilig geht vielmehr davon aus, dass seine Ergänzung das Analogie-Argument so gestärkt hat, dass ID als prinzipielle Entstehungsweise von Organismen mit Anspruch auf Geltung vertreten werden kann und geht auf dieser Basis vor allem auf seiner Meinung nach unberechtigte, allerdings auch berechtigte Einwände ein. Diese Einwände werden in weiteren Teilen dieser Analyse behandelt werden.

Anmerkungen

1Eine sehr intensive Diskussion, wie im Rahmen von ID argumentiert wird, findet man beispielsweise in dem Artikel Junker, R. (2005) ‘Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas’

2Es würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen, die Frage zu klären, was eigentlich alles unter ‚Naturalismus‘ verstanden werden kann. Sehr umfänglich hat sich Sukopp, T. (2006) ‘Naturalismus. Kritik und Verteidigung erkenntnistheoretischer Positionen’ Frankfurt, mult., Ontos Verlag mit der Bandbreite der Auffassungen befasst, die mit diesem Begriff verbunden wurden. In dieser Arbeit wird ‚Naturalismus‘ in etwa so verwendet, wie in Mahner, M. (2003) ‘Naturalismus’ Roßdorf, GWUP. Letztendlich ist darunter zu verstehen, dass alles ‚mit rechten Dingen‘ zugeht. Damit ist gemeint, dass keine übernatürlichen Faktoren an der Evolution beteiligt sind. Unter ‚Evolution‘ in dem Sinn, wie sie von der Evolutionsbiologie erforscht wird, wird daher ein Prozess verstanden, der ohne irgendwelche Eingriffe irgendwelcher übernatürlicher Entitäten abläuft. Menschliche Eingriffe werden dabei explizit als naturalistisch aufgefasst.

3Eine derartige Argumentationen bezeichnet man auch als argumentum ad ignorantiam. ID geht sogar noch eine Stufe weiter: durch möglichst genaue Kenntnis von Organismen soll deutlich werden, dass diese nicht ohne Design entstanden sein konnten. Das eigentliche argumentum ad ignorantiam wird sozusagen aus Wissen abgeleite, man könnte fast von einem ‚meta ad ingnorantiam‘ sprechen.

4Diese auch als ‚Ockhams Rasiermesser‘ bezeichnete Heuristik besagt, dass man die sparsamste Erklärung, also die, die mit den wenigsten Entitäten auskommt, bevorzugen sollte. Wenn ein Prozess also ohne einen Designer ablaufen kann, macht es keinen Sinn, zusätzlich einen Designer in eine Theorie einzubauen. ID beschränkt seine Argumentation daher auf die Systeme, von denen zumindest bisher nicht gezeigt werden konnte, wie sie ohne planerische Eingriffe entstanden sein konnten.

5Zwischen ‚Analogie-Argument‘ und ‚Analogieschluss‘ wird im Rahmen dieser Arbeit nicht differenziert.

6In einer anderen Arbeit habe ich Organismen als so genannte Mehr-Generationen-Systeme bezeichnet und deren Eigenschaften bzw. deren Konsequenzen ausführlicher dargestellt: Waschke, T. (2003) ‘Intelligent Design: Eine Alternative zur naturalistischen Wissenschaft?’ Skeptiker 16:128-136.

Die Bedeutung dieser meines Wissens nur bei Organismen in der Natur vorkommenden Eigenschaften wird weiter unten ausführlicher herausgearbeitet.

7Paley, W. (1802) ‘Natural Theology. or, Evidences of the Existence and Attributes of the Deity, Collected from the Appearances of Nature’ London. Die 12. Auflage (1809) ist im Internet abrufbar.

8Nur am Rande sei angemerkt, dass es sehr merkwürdig ist, dass eine Position, die davon ausgeht, dass aus prinzipiellen Gründen weder Aussagen über die Natur des Designers noch über die Art und Weise dessen Design gemacht werden können, als „Forschungsparadigma“ bezeichnet wird. Was kann unter diesen Prämissen eigentlich erforscht werden? Doch dazu weiter unten mehr.

9Auf einen schwer wiegenden Einwand gegen das Analogie-Argument gehe ich nicht näher ein, weil mir die anderen Einwände, die gegen Heiligs Argumentation vorgebracht werden können, für eine Widerlegung hinreichend erscheinen.

Man könnte nämlich hinterfragen, ob die Eigenschaft ‚ist geschaffen‘ einfach eine weitere Eigenschaft wie ‚ist komplex‘ oder ‚ist zweckmäßig‘ ist, ob man also aus bestimmten Eigenschaften überhaupt auf die Genese schließen kann.

10Heilig zeigt hier ein grundsätzliches Problem des Analogieschlusses auf: solange man diese Informationen eben nicht hat, ist er nicht gültig. Hat man jedoch die erforderlichen Informationen, benötigt man den Schluss nicht mehr.

Nur am Rande sei bemerkt, dass so gesehen auch im Analogie-Argument letztendlich ein ad ignorantiam verborgen ist. Es wird nicht mehr benötigt, wenn man die erforderlichen Informationen hat. Unter diesem Aspekt wird noch deutlicher, dass sich ID nur auf Nichtwissen stützen kann, denn auch das ‚positive‘ Argument entpuppt sich so als ein ‚negatives‘.

11Darwin verwendete den Begriff ‚Evolution‘ selten (beispielsweise taucht dieser Begriff in keinem der Titel seiner Bücher auf), weil der Begriff ‚Evolution‘ sowohl dem Wortsinn als auch dem üblichen Sprachgebrauch seiner Zeit nach im Prinzip das genaue Gegenteil dessen beinhaltete, was Darwin ausdrücken wollte. ‚Evolution‘ bedeutet dem Wortsinn nach ‚Entwicklung‘ und zwar im Sinn von ‚Auswickeln‘, also dem Freiwerden von Eigenschaften, die schon vorhanden sind. Darwin wollte aber gerade das Gegenteil erklären: wie neue Arten bzw. Merkmale, die noch gar nicht vorhanden sind, überhaupt entstehen können.

Neben ‚Transmutation‘ verwendete Darwin häufig die Formulierung ‚descent with modification‘, die genau den wesensmäßigen Unterschied zwischen Artefakten und Organismen beschreibt. Organismen sind als Mehr-Generationen-Systeme in der Lage, Nachkommen (‚descent‘) hervorzubringen, die sich von den Eltern unterscheiden (‚with modification‘). An genau diesen Unterschieden kann dann die Selektion angreifen.

Eine gute Darstellung der Verwendung des Begriffs ‚Evolution‘ durch Darwin findet man in Bowler, P.J. (1975) ‘The changing meaning of ‘evolution'’ J. Hist. Ideas 36:95-114 oder eher populär dargestellt in Gould, S.J. (2000) ‘What does the dreaded "E" word mean anyway’ Nat. Hist. 109 (2):28-44

12Für dieses Argument spielt es keine Rolle, dass diese Möglichkeiten nur als Möglichkeiten formuliert werden können. Diese Möglichkeit alleine reicht hin, die Frage, ob Organismen designed wurden, zumindest als ‚offen‘ zu charakterisieren. ID muss daher weitere Argumente vorbringen, die zeigen würden, warum es rationaler ist, von ID und nicht von einer naturalistisch aufgefassten Evolution auszugehen.

Es fehlt nich an Versuchen, diese Argumentation als Immunisierungsstrategie von Naturalisten darzustellen. Es ist durchaus zutreffend, dass das der Fall sein könnte. Aber dieser Vorwurf ist immer relativ zum Gewicht der Argumentation der Seite der Supranaturalisten zu sehen. Solange dieses Seite nicht mehr vorzubringen hat als dezeit der Fall ist, scheint es rationaler zu sein, die Alternative ‚Design‘ nicht zu berücksichtigen.

Gastbeitrag: Könnte Intelligent Design wissenschaftlichen Status erlangen?

13. Januar 2008

„Sire, je n’avais pas besoin de cette hypothese!” soll Pierre-Simon Laplace auf die Frage Napoleon Bonapartes, ob in seinen wissenschaftlichen Modellen noch Platz für Gott sei, geantwortet haben – „Diese Hypothese brauche ich nicht!“

Laplace war auf der Höhe der Naturwissenschaft, namentlich der Physik, seiner Zeit. Diese war geprägt vom Galilei-Newtonschen Paradigma eines – wie wir das heute nennen – mechanistischen, mathematisch sauber ausformulierten naturwissenschaftlichen Weltbild. Man konnte sich das Universum als gigantisches Uhrwerk denken, das exakte Voraussagen erlaubt. Würde man alle Zustände im Universum zu einem gegebenen Zeitpunkt kennen, so könnte man auf alle zukünftigen Zustände voraussagen – das wurde aus diesem Weltbild logisch korrekt geschlussfolgert. Da dieses Weltbild nach den damaligen Vorstellungen ebenso für den Meso- und Mikrokosmos galt, müsste alle Zukunft für die ganze Welt prinzipiell vorher bestimmbar sein, denn auf die Naturgesetze ist Verlass, sie galten ebenso schon für die Vergangenheit, wie auch Lyell es voraussetzte. Ein Gott oder Designer war nicht notwendig, es sei denn bestenfalls als gedachter erster Anstoßender bei „Inbetriebnahme“ des Universums (Deismus) oder als Schöpfer dieser ganzen „Weltuhr“, wie Isaak Newton glaubte.

Die ganze Welt eine deterministische Maschine? Können wir wirklich zeitunabhängig Zukunft und Vergangenheit als Summen mechanischer Ereignisse streng nach Ursachen und Wirkungen deuten? Kann man beispielsweise den „Zeitpfeil“ umkehren? Kann man die bei mechanischen Verrichtungen in den Raum entweichende elektromagnetische Strahlung, die sog. Reibungswärme, wieder zurückholen und dem System wieder zufügen? Die sog. Entropie verweist auf die Irreversibilität von Abläufen; der Zeitpfeil ist unumkehrbar. Hier scheint schon ein klein wenig die moderne Physik hindurch, die Wärmestrahlungsphänomene und vieles mehr untersuchen wird. Die Quantenphysik wurde schließlich zum „Exorzisten“, die den „Laplaceschen Dämon“, jene streng kausal laufenden Weltmaschine, ausgetrieben hat. Hatten schon die Relativitätstheorien die klassische Mechanik Galileis und Newtons zum Spezialfall einer umfassenderen Theorie gemacht, so wurden Kausalität und Determinismus – und damit letztlich auch das, was wir gemeinhin Naturgesetze nennen - durch die Quantenphysik als Ausdruck eines grundlegenderen statistischen Prinzips gesehen. Das Geschehen im Mikrokosmos ist wegen der Unschärfe aller sog. Elementarteilchen nicht determinierbar. Im Mesokosmos wirkt nur, was nach dem Zusammenbruch sog. Wahrscheinlichkeitswellen (der Quantenobjekte), geschieht (Dekohärenz). Dass uns die Welt dennoch stabil und naturgesetzlich geregelt erscheint, ist nichts anderes, als die scheinbare Bevorzugung einer bestimmten Wahrscheinlichkeit als summarischer Effekt von Dekohärenz. Dieses wird v.a. beim radioaktiven Zerfall deutlich, der nicht erlaubt, Vorhersagen über das Verhalten einzelner Atome zu machen, jedoch nach einer Zeit (sog. Halbwertzeit) bei einer großen Menge den Zerfall der Hälfte einer bestimmten Masse des Isotops statistische Rückschlüsse zu ziehen. Wer einmal ein Physikpraktikum gemacht hat, weiß auch, dass Messreihen selten genau die vom Naturgesetz geforderten Werte zeigen. Erst sehr viele Messdaten näheren sich den geforderten Werten an.

Wir haben unsere Zelte zwar nicht unbedingt auf Sand gebaut, in einem restlos determinierten und stabilen System leben wir allerdings nicht. Und nur weil dem so ist, ist Evolution möglich. Warum ist das so? Wieso kann nicht davon ausgegangen werden, dass in einem „Uratom“ schon festgelegt war, was alles im Laufe der Zeit erscheinen wird? Der Grund wurde schon genannt. Denn Evolution heißt ja nicht nur Abfolge von Phänomenen, was durch den Fossilbefund in zeitlich deutlich voneinander getrennten Schichten dokumentiert ist. Evolution fordert als naturwissenschaftliche Theorie auch ein Modell, das die Mechanismen nennt, welche die Evolution bewirkt. Wenngleich das Wort „Mechanismen“ an die klassische Physik erinnert, so dürfte doch die moderne Physik keinen geringen Anteile am Prozess des wesentlich durch Mutation und Selektion gewordenen und sich ändernden Lebens haben. Abgesehen von der Abiogenese – die gesondert zu behandeln wäre – sind es ja Änderungen am Erbgut, welche Mutationen in Gestalt veränderter Phänotypen auslösen. Dass diese durch energiereiche elektromagnetische Strahlung ausgelöst werden können, dürfte bekannt sein. Man spricht von zufälligen Änderungen der molekularen Struktur des Erbgutes (DNS). Diese zufälligen Änderungen bilden den indeterminierbaren Anteil am Evolutionsgeschehen. Da wir uns hier im Mikrokosmos bewegen, könnten Quanteneffekte, die ohnehin originär indeterminert sind, hineinwirken. So mag es sein, dass veränderte Phänotypen ausgeprägt werden, die fast analog dem berühmten Katzenmodell von Schrödinger, ein Quantengeschehen in den Mesokosmos transportieren. Nehmen wir es ganz genau, so können wir uns eigentlich vom unseligen Begriff des Zufalls verabschieden und müssten stattdessen von Unschärfen und Freiheitsgraden reden. M.E. kann auch ein agnostischer Ansatz gelten, da uns das eigentliche Sein der Quantenobjekte verschlossen bleibt. Wir haben hier also eine Erkenntnisgrenze und können nicht „hinter die Dekohärenz“ schauen.

Endlich möchte ich nunmehr zum Thema kommen, das aber m.E. die o.g. kurzen und einfachen Erklärungen erforderlich machte, wie wir gleich sehen werden. Intelligent Design (ID) krankt v.a. an Modelldefiziten. ID lebt vom Analogieschluss (siehe Klassiker Paley, dessen Uhrengleichnis übrigens dem mechanistischen Weltbild angehört), der Kritik an der Theorie der transspezifischen Evolution mithin von Erklärungsdefiziten (argumentum ad ignorantiam) hinsichtlich der Mechanismenfrage derselben. Eine umfangreiche Darlegung darüber kann beim Inhaber dieses Blogs auf dessen HP nachgelesen werden. Laienhaft ausgedrückt, kann ID nicht erklären, wann welcher oder welche Designer wo und wie die Lebewesen designed hat oder haben. Über das „Wann“ kann näherungsweise die radiometrische Datierung Auskunft geben, „Welche“ oder „Welcher“ Designer darf (und muss) ID m.E. offen lassen um keine bestimmten Weltanschauung bzw. Religion zu propagieren (das wäre naturwissenschaftlich auch nicht zulässig, da wir im Sinne der Freiheit von Forschung und Lehre keine islamische, christliche, buddhistische, marxistische, usw. Naturwissenschaft dulden dürfen) und das „Wo“ ist trivial. Der springende Punkt ist das „Wie“, was ich oben schon als Erklärungsdefizite angedeutet habe. Über dieses „Wie“, also der Mechanismenfrage, liefern die Evolutionstheorien – es gibt mittlerweile einige mehr als zu Darwins Zeiten – Modelle, d.h. Erklärungen. ID fehlen die Modelle. Das ist ja auch der Grund, weshalb die Evolutionstheorien weltweit den Standard bilden.

ID müsste, um mit den Theorien zur transspezifische Evolution (die kladistisch bis zu den Familien hinaufreichende spezifische Evolution oder Variation ist allgemein unstrittig) auf gleicher Höhe zu kommen, ein Modell ausarbeiten und der naturwissenschaftlichen Community anbieten, welches Erklärungen über das „Wie“ aufzeigt. Wäre das überhaupt möglich?

Ich denke, es wäre möglich. Ein solches Modell müsste m.E. die spezifische Evolution als Spezial- oder Grenzfall eines umfassenderen ID-Konzepts enthalten. D.h. die bekannten Mechanismen sind durchgängig als gültig anzusehen, aber um „designende Mechanismen“ zu erweitern. Hier nun startet das zu erbringende ID-Modell. Da mir die ETn zumindest derzeit noch plausibler erscheinen, bin ich kein Anhänger von ID. Dennoch möchte ich hier einmal ganz grob spekulieren, wie man sich eventuell ID vorstellen könnte.

Wie weiter oben angesprochen, wissen wir um die Mutationen, die durch energiereiche, d.h. kurzwellige elektromagnetische Strahlung verursacht werden können. Wenn wir nun annehmen, dass derlei auch gezielt möglich ist, so könnte hier bereits ein Erklärungsansatz für ID vorliegen. Strahlungsquellen sind im Universum und auch irdisch in Fülle vorhanden. Wir kennen sogar exakt gepulste Strahlungsquellen (Quasare, Pulsare). Ein oder mehrere Designer könnten sich z.B. Sonnenstrahlung und kosmische Höhenstrahlung zunutze machen und diese fein abstimmen um damit via gepulsten Röntgenlaser gezielt Nanostrukturen zu schaffen oder zu beeinflussen. Stark vereinfacht kann man sich das vorstellen wie die Herausbildung sog. Klangfiguren in der Akustik (Mehlstaub auf dem Lautsprecher ergibt bei harmonischem Schall z.T. ästhetisch anmutende Muster). Das soll jetzt kein neues Analogieargument im Sinne der Widerlegung von Paleys Ansichten sondern nur eine Vorstellungshilfe sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Biophotonenforschung. Schon Erwin Schrödinger hatte sich ja die Frage nach den synchronisierenden Mechanismen bei der Mitose gestellt und die Ontogenese ist noch weit mehr betroffen hinsichtlich der Koordination und Synchronisation der Morphogenese. Hier könnte ein Modell das „Designen“ vielleicht sogar beobachtbar machen, sofern man die Ontogenese überhaupt mit einbeziehen möchte. Seltsamerweise haben alle Zellen Ausmaße, die mit den Wellenlängen des Lichts korrelieren könnten. Moleküle – besonders für die Abiogenese interessant – entsprechen natürlich kürzeren Wellenlängen. Für alle die erforderlichen Strahlungsformen und –intensitäten sind im Universum unzählige spezifische Planckoszillatoren vorhanden, die ein Designer sich nutzbar machen könnte. Natürlich erklärt das nicht hinlänglich das „Wie“, aber das ist ja bei der transspezifischen Evolution auch nicht der Fall. Man kann ja auch kein hinlängliches und womöglich labortaugliches Modell haben, weil das ja sofort wieder den Analogieschluss provozieren würde („wir machen das im Labor und deswegen macht das der Designer im größeren Maßstab auch“). Man hätte aber – entsprechende Ausarbeitung vorausgesetzt - ein Modell.

Wie sieht es aber mit dem Kardinalkriterium für Wissenschaftlichkeit – der prinzipiellen Falsifizierung – aus? Evolution als solche lässt sich falsifiziern durch Aufzeigen mehrere chaotischer Fossilbefunde, d.h. – plakativ formuliert – z.B. durch Aufzeigen von Säugerüberreste zusammen mit den Fossilien aus dem Burgess Schiefer oder ähnlichem. Aber kann man auch die transspezifische Evolutionstheorie falsifizieren, d.h. kann man widerlegen, dass allein wesentlich durch Mutation und Selektion die transspezifischen Evolution geschah? Der Verweis auf die belegte spezifische Evolution könnte unzureichend sein und zu einem ähnlichen Dilemma führen wie die klassische Mechanik in der Physik, wenn man versucht diese makro- oder mikrokosmisch anzuwenden. Gewiss, die Defizite des einen Modells stützen nicht automatisch ein anderes Modell. Aber es könnte bei saubere Formulierung eines ID-Modells m.E. durchaus eine Alternativerklärung geliefert werden.

Was aber ist bei gezieltem Design dann noch von der o.g. Freiheit bzw. der Unschärfe zu halten (den überstrapazierten Begriff Zufall wollen wir auch hier besser beiseite lassen)? Rutschen wir hier nicht doch wieder in einen Determinismus hinein, determiniert vom Designer? Diese Frage können wir nicht beantworten ohne den Designer mit Eigenschaften von Superlativen der Allmacht bis zum tastenden Experimentator zu befrachten. Das aber wollen wir ja vermeiden um nicht einer speziellen Weltanschauung Vorschub zu leisten. Tatsache ist aber, dass es diese Unschärfen gibt und der Designer sie daher entweder gewollt oder als Bedingung vorgefunden hat, die er möglicherweise mit in seinem Konzept benutzt um evtl. die freie Entfaltung seiner durch punktuelle Anstöße in Gang gebrachten oder kanalisierten Schöpfung zu bewirken.

Alte ForumsleserInnen haben vmtl. erkannt, dass ich hier im Grunde das von dem Poster mit dem Aliasnamen „Dreisam“ seinerzeit eingebrachte sog. Pit-Stop-Design verwendet habe, dieses aber etwas abänderte und mit möglichen Erklärungsansätzen „garnierte“. Das Pit-Stop-Design geht davon aus, dass zu bestimmten Zeiten die Lebewesen vom Designer weggenommen werden (zum Pit-Stop) modifiziert werden um dann wieder in die Natur entlassen zu werden. Dieses geschieht in Zeiten unterbrochenen Gleichgewichts, es IST nichts anderes als diese Unterbrechung – nur intensiver als von der Hypothese gefordert.

In der Hoffnung, durch diesen Beitrag eine Diskussion anzustoßen, verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

Egon

Bremen, 12.Januar 2008

Creation and Evolution in the Schools

26. Dezember 2007

Card, O.S. (2006) Creation and Evolution in the Schools
URL letzter Zugriff: 26.12.2007

Es kommt ab und an vor, dass man einen Artikel liest, in dem ein Mensch, den man gar nicht kennt, das, was man selber denkt, auf eine Art und Weise formuliert, dass man fast neidisch sagt: ‘Diesen Artikel hätte ich gerne selber geschrieben!’. Ich habe selten einen Artikel gelesen, der meine Ansichten zu einem bestimmten Thema so exakt beschreibt wie der, den ich nun vorstellen will.

Zwei Dinge vielleicht vorweg: Orson Scott Card ist im Gegensatz zu mir Christ. Aber das, was er über ID und Kreationismus schreibt, deckt sich mit meinen Auffassungen, zu denen ich auf der Basis einer sehr umfänglichen Lektüre von Primärquellen aus allen drei Lagern (Kreationismus, ID und Evolutionsbiologie) und der langjährigen Beobachtung der Angriffe auf die naturalistische Evolution, einschließlich vieler Diskussionen mit Evolutionsgegnern, gekommen bin.

Außerdem geht es Card, wie schon der Titel deutlich macht, um den Schulunterricht in den USA, der mit dem in Deutschland nicht zu vergleichen ist. Hier ist es kein Problem, religiöse Inhalte in welchem Unterrichtsfach auch immer zu thematisieren. Daher muss niemand hierzulande ein pseudo-wissenschaftliches Deckmäntelchen über religiöse Inhalte breiten. Mit dem, was Card diesbezüglich schreibt, stimme ich zwar auch überein, aber das ist für das Thema, das mich eigentlich interessiert (’Wie diskutiert man am effektivsten mit Evolutionsgegnern?’) weniger relevant.

Card stellt dar, dass Kreationismus (darunter verstehe ich immer Junge-Erde-Kreationismus, YEC, der auch als ’scientific creationism’ bezeichnet wird, wie ich ihn in Waschke 2002 beschrieben habe) noch nie eine Wissenschaft war. Für ihn ist ‘creation science’ ‘a pack of pious lies’, und ‘any student who actually believed that Creation Science had anything to do with science would have been educationally crippled’. Der eigentliche Streit tobt heutzutage aber zwischen ID (was ich darunter verstehe, habe ich in Waschke 2003 beschrieben, in Abgrenzung zu Kreationismus in Waschke 2007) und ’strict Darwinists’. Darunter versteht Card eine Auffassung, die ohne hinreichende Belege zu haben, davon ausgeht, dass die Selektionstheorie Darwins, zumindest prinzipiell, die Antworten auf alle Fragen der Evolutionsbiologie schon zu liefern vermag. Implizit kommt auch zum Ausdruck, dass für diese Menschen die Selektionstheorie eine Art negativer Gottesbeweis ist.

Der Autor beklagt, dass diese Darwinisten im Prinzip genauso religiös, also ohne echte Argumente, diskutieren wie deren Gegner, die er als ‘designists’ bezeichnet. Hier ist nicht der Raum für eine ausführliche Darstellung. Ich kann Ihnen nur empfehlen, den Artikel Cards im Kontext zu lesen. Hauptkritikpunkte Cards sind, neben dem Versuch, ID und Kreationismus zu vermischen, das Nicht-Eingehen auf die inhaltlichen Argumente der ID-Vertreter. Der zentrale Punkt der Designisten ist nicht Ablehnung der Evolution, sondern die Ablehnung der Selektionstheorie (genauer, deren Anspruch, alle Fragen zumindest prinzipiell klären zu können). Es geht letztendlich darum, ob die vorgeschlagenen Mechanismen hinreichen, die Evolution zu erklären. Auf diese kritischen Anfragen kennt man noch keine hinreichenden Antworten. Daher bleibt den Darwinisten nur eine Strategie:

“They have no good answers, and yet they have an unshakable faith in Darwinism; so they fervently and vehemently attack their attackers, waging, not one side in a scientific conversation, but a crusade against those who do not treat their Prophet with enough respect.”

Zu dieser Einschätzung kommt Card auf der Basis einer kurzen, aber präzisen Darstellung der Vorgehensweise der Naturwissenschaften, die von Überlegungen zur Verwendung des Begriffs ‘Theorie’ bis hin zu den Grenzen diese Methodik reicht. Sehr treffend sind hier auch Cards Anmerkungen zum Unterschied zwischen Evolution und Darwinismus (worunter die Selektionstheorie zu verstehen ist).
Card ist aber kein Vertreter von ID, wie er im letzten Punkt, den er ‘the only correct answer to the Designists’ klar macht:

“Yes, there are problems with the Darwinian model. But those problems are questions. ‘Intelligent design’ is an answer, and you have no evidence at all for that.”[Hervorhebung im Original, T.W.]

Das trifft exakt den Punkt.

Card bekennt auch, dass er Christ ist, dass er es aber ablehnt, dass seine Auffassung in der Schule gelehrt wird. Im Original fett gedruckt ist sein Standpunkt:

“Evolution happens and obviously happened in the natural world, and natural selection plays a role in it. But we do not have adequate theories yet to explain completely how evolution works and worked at the biochemical level.”

Auf dieser Basis ist nach Cards Meinung alles behandelbar, was man in welchem Rahmen auch immer hinsichtlich Evolution lehren möchte und der Forschung werden keinerlei Steine in den Weg gelegt. Wenn Darwinisten behaupten, wir würden schon mehr wissen und die Erklärung sei Natürliche Selektion, dann vertreten sie einen Glauben, der nicht besser belegbar ist als der der Designisten. Es muss gestattet sein, auch die Reichweite der Selektionstheorie infrage zu stellen. Im Original:

“When somebody - anybody - asks hard questions of a theory, then the scientific answer is never ’shut up and go away.’ The scientific answer is, ‘Let’s see if we can find out.’”

Die Frage lautet: mit welchen Mechanismen sind die Befunde, die man hat, am besten zu erklären? Card zeigt auch auf, in welcher Form das möglich ist:

“What science does is to invent plausible stories of automatic processes by which natural events, systems, and objects come to be as we see them.” [Hervorhebung im Original, T.W.]

Ob die Selektionstheorie hinreicht, diese stories zu formulieren, oder ob noch andere Mechanismen hinzukommen müssen, wird die Zukunft zeigen.

Literatur

Waschke, T. (2002) Die Kreationisten: pseudo-wissenschaftliche Evolutionsgegner mit biblischem Hintergrund MIZ 31 (3):39-48
URL
Waschke, T. (2003) Intelligent Design: Eine Alternative zur naturalistischen Wissenschaft? Skeptiker 16:128-136
URL
Waschke, T. (2007) Moderne Evolutionsgegner - Kreationismus und Intelligent Design in: Dresler, M. Wissenschaft an den Grenzen des Verstandes. Beiträge aus den Natur- und Lebenswissenschaften Stuttgart, Hirzel S. 93-104
URL

From Muttering to Mayhem: How Phillip Johnson Got Me Moving

26. Dezember 2007

Behe, M.J. (2006 ) ‘From Muttering to Mayhem: How Phillip Johnson Got Me Moving’ in: Dembski, W.; (ed.) ‘Darwin’s Nemesis. Philipp Johnson and the Intelligent Design Movement’ Leicester, Inter-Varsity Press S. 37-47



Behe beschreibt in diesem Artikel, der für einen als ‘Festrede’ (Dembskis Bezeichnung im Vorwort, p. 21) für Johnson konzipierten Sammelband verfasst wurde, seinen Weg von einem katholischen Christen, für dessen Weltbild Evolution kein Problem war, zu einem überzeugten Verfechter von ID. Nach katholischer Auffassung, wie Behe sie darstellt, ist nur wesentlich, dass Gott geschaffen hat, er kann das auch durch Evolution, allgemeiner, durch Naturgesetze tun.

Die Lektüre von Dentons Evolution: A Theory in Crisis (1985) war für Behe eine Art ‚Erweckungserlebnis‘. Ihm wurde klar, dass er sich bisher noch nie mit kritischen Einwänden gegen Evolution befasst hatte, und dass seine Anerkennung der Evolutionsmechanismen, speziell der Selektionstheorie, mehr auf soziologischen Gründen als auf naturwissenschaftlichen Fakten beruhte. Behe nahm diese Erkenntnis zum Anlass, genauer anhand der einschlägigen Fachliteratur nachzuprüfen, was er warum glaubte und wurde so zu einem Kritiker zumindest der Selektionstheorie. Die Bekanntschaft mit Phillip Johnson machte ihn dann zum überzeugten ID-Anhänger. Im Anhang sind zwei sehr interessante Beiträge aus Science angeführt: eine Kurz-Rezension von Johnsons Darwin on Trial und ein Leserbrief Behes, der dort ebenfalls erschien und in dem er herausstellt, warum Johnson seiner Meinung nach nicht lächerlich gemacht werden sollte.

Dieser Artikel sollte ein Pflichtlektüre für jeden sein, der sich mit den Hintergründen der ID-Bewegung befasst. Nicht nur ‘zwischen den Zeilen’ erkennt man die aufgrund der Verhältnisse in den USA erforderlichen ’strategischen’ Ziele. Es geht darum, zu zeigen, dass ID mit Religion nichts zu tun hat, um sich vom Kreationismus abzusetzen. Das leistet Behe einerseits dadurch, indem er betont, dass für seine Ablehnung der Selektionstheorie religiöse Gründe für ihn als Katholik keine Rolle spielten. Auf der anderen Seite stellt er dar, weshalb ihn Dentons Buch so aufwühlte: angeblich basiert Evolution nicht auf der sicheren Faktenbasis, die nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch Biologen, weisgemacht wird. Das wirkt dann auch auf seine Kritik an Evolutionsgegnern zurück: Behe wirft diesen vor auf diese Argumente gar nicht einzugehen, diese Kritiker würden vor allem persönlich angegriffen.

Literatur

Anonymus (1991) ‘Johnson vs. Darwin’ Science 253:379
Behe, M.J. (1991) ‘Understanding Evolution’ Science 253:951
Dembski, W.; (ed.) (2006 ) ‘Darwin’s Nemesis. Philipp Johnson and the Intelligent Design Movement’ Leicester, Inter-Varsity Press
Denton, M. (1985 ) ‘Evolution: A Theory in Crisis’ , Adler & Adler

Darwin Under the Microscope

25. Dezember 2007

Behe zur Rede des Papstes Johannes Paul II

Quelle:
Behe, M.J. (1996) ‘Darwin Under the Microscope’
URL letzter Zugriff: 07.04.2006

Behe schrieb diesen Artikel kurz nach dem Erscheinen von Darwin‘s Black Box auf Einladung des Herausgebers. Dieser kurze Beitrag handelt vordergründig über die bekannte Rede des Papstes Johannes Paul II, die oft als Bekenntnis des Papstes zu einer theistischen Evolution gewertet wird, manche Autoren gingen sogar so weit, dass der Papst die Selektionstheorie anerkennt. Behe zeigt in seiner zutreffenden Analyse, dass der Papst von Evolutionstheorien im Plural spricht, und darunter eben nicht die naturalistische Selektionstheorie versteht, sondern, wie Behe im letzten Satz sagt, eben eine Evolutionstheorie, in der ein Schöpfer eine Rolle spielt. Behe macht aber nicht deutlich, dass sich die Auffassung de Papstes von Schöpfung durchaus von dem ID unterscheidet, das Behe vertritt. Auf der anderen Seite ist dieser Artikel eine hervorragende Zusammenfassung von Behes Ansichten. Er bekennt sich zwar zum christlichen Gott, macht aber deutlich, dass er weder mit einer Deszendenz noch mit langen Zeiträumen ein Problem hat. In diesem Artikel findet man im Prinzip eine Zusammenfassung dessen, was Behe auch heute noch vertritt.

Erwähnte Quellen

Behe, M.J. (1996) ‘Darwin’s Black Box: The Biochemical Challenge to Evolution’ New York, Free Press

Papst Johannes Paul II (1996) ‘Magisterium Is Concerned with Question of Evolution For It Involves Conception of Man’
URL

Analyse, Kritik und Gegenkritik: Christoph Heiligs Kommentar zum ARTE-Film

19. November 2006

Eigentlich gehört an diese Stelle eine Inhaltsangabe des Films. Darauf habe ich aber verzichtet, weil in einem kritischen Beitrag zu dem Film, den ich analysiert habe, eine durchaus brauchbare Inhaltsangabe zu finden ist. Hier möchte ich nur kurz meine Einschätzung des Films darstellen.

Die Autoren Moers und Papenbroock haben nach eigenen Angaben zwei Jahre lang für den Beitrag recherchiert. Der Inhalt des Films macht das deutlich: er enthält kaum inhaltliche Fehler, die relevanten Positionen werden dargestellt und wichtige Autoren, die in der fachspezifischen Diskussion eine Rolle spielen, treten im Film auf. Aus der Art der Präsentation dieser Personen kann man schließen, dass es sich meist um Interviews handelt, welche die Filmemacher mit diesen Personen geführt haben. Auch die inhaltiche Darstellungen der verschiedenen Positionen zeugen davon, dass die Autoren sich umfassend informiert haben. Insgesamt handelt es sich um den besten Film zum Thema religiöse Evolutionskritik, den ich kenne

Trotzdem sehe ich den Film nicht als gelungen an. Das liegt daran, dass hier eigentlich mehrere Filme in einem zusammengefasst sind. Recht ausführlich wird dargestellt, dass an zwei Gießener Schulen kretionistische Inhalte im Unterricht behandelt wurden. Auch auf Kreationismus im engen Sinn wird eingegangen, indem die Aktivitäten von Answers in Genesis (AIG), der größten kreationistischen Organisation, dokumentiert werden. Außerdem wird auch noch Intelligent Design (ID) behandelt, und zwar sowohl die ID-Bewegung als auch die Inhalte der dahinter stehenden ‘Theorie’. Die Autoren hätten problemlos aus jedem dieser Themen einen eigenen Film machen können, der dann, für sich alleine betrachtet, vermutlich hervorragend gelungen wäre.

Das Problem entsteht dadurch, dass die Autoren durch die Vermischung der Ebenen zu Aussagen gelangen, die bei näherer Betrachtung nicht mehr zutreffen. Es ist durchaus erschreckend, zu sehen, mit welcher Selbstsicherheit die im Film als Beispiel für typische Kreationisten vorgestellten AIG-Mitglieder Positionen vertreten, die, falls sie zuträfen, die wichtigsten inhaltlichen Grundlagen der modernen Naturwissenschaften zerstören würden. Niemand kann beispielsweise ein Alter der Erde im Bereich von wenigen Tausend Jahren vertreten ohne die Grundlagen der Physik neu zu definieren. Selbstverständlich gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass eine derartige Revolution erfolgt sein könnte. Sollten derartige Auffassungen in der Schule unterrichtet werden, wäre das in der Tat ein Rückschritt in finsterste Zeiten.

Vollkommen anders sieht es mit Intelligent Design aus: diese Auffassung macht keine Aussagen zu derartigen Themen und versteht sich als eine Wissenschaft, die nach Design-Signalen in der Natur sucht. Man kann zwar mit guten Gründen vertreten, dass ID seinen Anspruch bei weitem nicht einlösen kann. Bevor ID einfordern kann, in der Diskussion berücksichtigt zu werden, hat es noch einen weiten Weg vor, wobei zurzeit eher unwahrscheinlich ist, dass er überhaupt zum Ziel führen kann. Aber selbst wenn ID in der derzeitigen Form anerkannt würde, hätte das kaum erkennbare Folgen auf die Praxis der Naturwissenschaften und mögliche Erkenntnisse, eben deshalb, weil es inhaltlich so gut wie nichts aussagt. Alle Ergebnisse der Forschung würden so bleiben wie bisher, auch an der Methodik der Forschung würde sich nichts ändern. Was allerdings zerstört würde, ist ein durchgehend naturalistisches Weltbild. Bevor man diesen äußerst erfolgreichen Rahmen der Forschung aber aufgeben sollte, müssen dessen Gegner wesentlich gewichtigere Argumente aufführen können, als das zurzeit der Fall ist. In meinen Augen ist ID nicht wegen seiner Inhalte gefährlich, sondern deshalb, weil es von religiös motivierten Evolutionsgegnern als ‘Keil’ eingesetzt wird, um einen Platz für den Christengott zu schaffen.

Wenn man nun ID als Kreationismus bezeichnet bzw. beide Positionen in einem Atemzug nennt, versucht man implizit die Argumente gegen Kreationismus auf ID anzuwenden. Das kann aber nicht funktionieren, denn beide Auffassungen vertreten vollkommen verschiedene Standpunkte. Die Diskussion zerfasert dann und eröffnet den Evolutionsgegnern viele Nebengleise, die man tunlichst vermeiden sollte.

Aus den genannten Gründen ist eine Beurteilung des Films sehr komplex und das drückt sich auch in der Kritik aus, den dieser Film von Seiten der deutschen Evolutionsgegner erfahren hat. Christoph Heilig hat eine recht umfassende Kritik an diesem Film geübt, die meiner Meinung nach aber von falschen Voraussetzungen ausgeht. Heiligs Darstellung eignet sich aber gerade deshalb recht gut dazu, die aktuelle Position der wichtigsten Evolutionsgegner in Deutschland, der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, in Form einer Gegenkritik zu hinterfragen. Ich habe mit Heiligs Einverständnis dessen Text von seinem BLOG übernommen und mit Anmerkungen versehen. Sie finden hier meine Gegenkritik.

‘Von Göttern und Designern. Ein Glaubenskrieg erreicht Europa’ - Ein Film und die Folgen

19. November 2006

Am Dienstag, den 9. September 2006 strahlte der Sender ARTE einen Themenabend zum Thema ‘Christlicher Fundamentalismus’ aus. In der Ankündigung des Senders wird ein düsteres Bild gemalt: "Fast täglich berichten die Medien über religiös motivierten Fanatismus, der zum Zeichen radikaler Bewegungen geworden ist. Viele fühlen sich in Europa noch relativ sicher und glauben fest auf dem Boden von Aufklärung und Demokratie zu stehen. Doch das Fundament ist brüchig, der “alte” Kontinent wird langsam vom christlichen Fundamentalismus erfasst." Der ZDF-’heute’-Moderartor Steffen Seibert führte durch den Themenabend.

In diesem Themenabend wurden drei Filme gezeigt: neben dem Film ‘Von Göttern und Designern. Ein Glaubenskrieg erreicht Europa’ der Filmemacher Moers und Papenbrook, mit dem ich mich vornehmlich befassen werde, ein Film über brutale exorzistische Riten von Einwanderern in Großbritannien (’Hexenkind - Folter im Namen Gottes’) und über die Jesus-Revolution-Army (’Missionare im Gleichschritt: Die ‘Jesus-Revolution-Army'’). Zwischen den Filmen diskutierte Seibert mit dem als "bedeutenden Physiker und gläubiger Christ" vorgestellten Herbert Pietschmann, Professor emeritus der Universität Wien.

Die beiden anderen Filme stellten den nun näher zu untersuchenden Film in einen eindeutigen Rahmen: "Ein Themenabend mit christlichem Sprengstoff!" und "Fast unbemerkt setzen freie evangelikale Kirchen und Bewegungen zum konservativen Siegesszug an. Mit der Bibel in der Hand, mit militärischer Disziplin und dem Horrorszenario der Hölle bekämpfen sie das Böse." liest man in der oben erwähnten Ankündigung des Senders. Letztendlich ist der erste Film auch nur zu verstehen, wenn man sich vor Augen hält, wogegen die Autoren kämpfen.

In einer lockeren Reihe von Beiträgen werde ich mich in der nächsten Zeit mit verschiedenen Aspekten des im Folgenden als ARTE-Film bezeichneten ersten Beitrag ‘Von Göttern und Dämonen’ befassen. Auf der einen Seite ist der Film ein wichtiger Beitrag zu den vorgestellten Positionen und Organisationen, der von deren Vertretern auch heftig kritisiert wurde. Auf der anderen Seite hat der Film zumindest hier im Gießener Raum eine große Wirkung entfaltet, weil hier die beiden im Film vorgestellten Schulen zu finden sind. In den lokalen Medien fand daher eine intensive Diskussion über Unterrichtsinhalte im Fach Biologie statt, an der sich auch die Kultusministerin des Landes Hessen beteiligt hat. Als Biologie-Lehrer betrifft mich die Frage, ob neben der Evolutionstheorie auch Schöpfungslehren im Unterricht behandelt werden sollen, sehr direkt.

Die Analyse des Films uns seiner Wirkung bietet daher einen sinnvollen Rahmen des aktuellen Stands der Aktivitäten von Evolutionsgegnern, die meist aus religiösen Motiven eine Fundamentalkritik an der Evolutionstheorie üben und auch versuchen, zumindest diese Kritik in die Schulen zu tragen.

Forderungen der Evolutionsgegner an den Biologieunterricht

18. November 2006

Evolutionsgegner haben schon immer Wert darauf gelegt, den Lehrplan zu beeinflussen. Hier in Deutschland haben die meist christlich motivierten Evolutionsgegner nicht das Problem, das die amerikanischen Evolutionsgegner haben: in der Schule dürfen religiöse Inhalte gelehrt werden. Das erfolgt aber meist im Religionsunterricht, der für solche Themen den richtigen Rahmen liefert.

Im Lauf der Zeit haben die Evolutionsgegner aber auch hierzulande verschiedene Forderungen an den Biologie-Unterricht gestellt.

Phase 1: Gleiche Unterrichtszeit für Kreationismus und Evolutionsbiologie (‚equal time‘)

Damals, in den 1970er-Jahren, meinten Kreationisten noch, in Form des ‚scientific creationism‘ eine gleichwertige Alternative zur naturalistischen Evolution formulieren zu können. Sie gingen davon aus, dass sie ihre grundlegenden Auffassungen, also eine junge Erde, eine weltweite Flut und eine gleichzeitige Erschaffung aller Lebensformen in einer Woche, mit den Methoden der Naturwissenschaften beweisen können. Sie forderten daher, dass dem ‚scientific creationism‘ im Unterricht dieselbe Zeit eingeräumt wird, die für die Evolutionstheorie verwendet wird.

Heute wird diese Auffassung, soweit mir bekannt, nicht mehr vertreten. Außerhalb einer kleinen Gruppe von überzeugten Kreationisten nimmt niemand mehr die Behauptung, man könne mit naturwissenschaftlichen Methoden beispielsweise zeigen, dass die Erde jung ist oder dass alle Lebensformen gleichzeitig erschaffen wurden, ernst. Es dürfte offensichtlich sein, dass ein Gedankengebäude wie der ‚scientific creationism‘ keinen Platz im Lehrplan für das Fach Biologie hat.

Phase 2: Darstellung der wissenschaftlichen Kontroverse über Evolution (‚teach the controversy‘)

Diese Forderung wurde vor allem von Vertretern des ‚Intelligent Design‘ (ID) gestellt. Sie behaupteteten, dass mit wissenschaftlichen Methoden aufgezeigt werden kann, dass eine Evolution nicht ohne Eingriffe eines Designers erfolgen kann. Es sollte daher Aufgabe der Schule sein, diesen innerwissenschaftlichen Konflikt zu vermitteln.
Es wurde aber schnell offenbar, dass kaum ein Wissenschaftler bemerkte, dass eine derartige Kontroverse überhaupt existierte. Eine nicht existierende Kontroverse ist nun wirklich kein Thema für den Biologie-Unterricht. Die Forderung wurde daher nochmals revidiert.

Phase 3: Behandlung von inhaltlichen Problemen der Evolutionsbiologie (‚teach the problems‘)

Selbst wenn keine Kontroverse innerhalb der Evolutionsbiologie über die Tatsache einer Evolution stattfindet, so kann man doch feststellen, dass es einen Streit über bestimmte Details gibt. Beispiele für solche Kontroversen sind beispielsweise die Diskussion über Artbegriffe, den Ansatz der Selektion, die Frage, ob Evolution gradualistisch oder nicht verläuft und so weiter. Diese offenen Fragen bzw. Kontroversen sollen nun in der Schule behandelt werden. Von den Evolutionsgegnern wird aber meist nicht darauf hingewiesen, dass diese Probleme in der Fachwelt nicht dazu führen, dass die Möglichkeit einer naturalistischen Evolution infrage gestellt wird. Ein Grund, derartige Probleme im Unterricht zu behandeln, könnte sein, dass so kritisches Denken gefördert werden kann.

Die Schule ist aber der denkbar ungeeignetste Ort, derartige Debatten darzustellen. Es macht keinen Sinn, in der Schule Sachverhalte zu diskutieren, über die sich nicht einmal Fachleute einigen können. Aufgabe der Schule ist vielmehr, das zu vermitteln, was in der ‚scientific community‘ als gesichertes Wissen gilt. Erst auf der Basis dieser Kenntnisse können dann die offenen Fragen behandelt werden. Sollte hinreichend Zeit zur Verfügung stehen, bieten sich derartige Diskussion selbstverständlich an. In jedem Fach, nicht nur in der Biologie.