Gastbeitrag Egon zum Darwinjahr
12. März 2009Hinweis: für Form und Inhalt dieses Beitrags ist ausschließlich Egon verantwortlich.
Meine Gedanken zum Darwinjahr
Wenngleich es mich betrübt, hier so wenig Diskussionsteilnehmer anzutreffen und ich mich frage, ob es überhaupt noch lohnt, einen weiteren Beitrag zu schreiben, obsiegte doch ein gewisser Rest von Optimismus, dieses zu tun.
Ich möchte nicht über die Person Charles Darwins schreiben – das ist derzeit schon vielfach geschehen - und seinen sterblichen Überresten im Boden der Westminster Abbey, quasi zu Füßen des Grabes von Isaak Newton, möchte ich auch kein „Happy Birthday“ zurufen. Seinem Werk jedoch möchte ich – obwohl kein Experte - Ehre erweisen.
Wie Isaak Newton war Charles Darwin ein Entdecker, einer jener, die den Schleier der Augenscheinlichkeit von der Natur hinwegzogen und damit tiefere Blicke freigaben auf das Wesen dessen, was uns umgibt und was wir selber sind. Enträtselte Newton mehr Aspekte der Dynamik des Seins, so tat dieses Darwin v.a. in Bezug auf das Werden. Ein Werden, dass trotz einiger bis in die Antike zurückgehende (naive) Evolutionsvorstellungen zu Zeiten Darwins v.a. im Bereich der Biologie sich auf Haustierzüchtungen beschränkte. Ansonsten hielt man fest an der Überzeugung der Unveränderlichkeit der Arten in Übereinstimmung mit theologischen Vorgaben – auch Darwin wuchs mit Paleys Schriften der Naturtheologie auf. Erst seine Weltreise mit der Beagle sollte diese statische Sicht langsam ins Wanken bringen. Da waren zunächst die Fossilien, die in unterschiedlichen Schichten auf ein weit größeres Alter hindeuteten, als es ein Bischof Usher (Schöpfungsbeginn 4004 vor Christi) berechnet hatte. Und da waren diese abgestuften Ähnlichkeiten der Lebewesen, die auf Verwandtschaft schließen ließen und den Gedanken an Züchtung nahe legten. Doch da war kein Züchter, der gemäß eigenen Bedürfnissen z.B. bestimmte Hunde oder Pferde züchtete, indem er die jeweils ihm geeigneten miteinander über Generationen hinweg kreuzte. Wer oder was sollte daher die große Vielfalt der Natur hervorgebracht haben? Und warum sind so viele wieder ausgestorben, was doch angesichts der theologisch geforderten Statik absurd wäre (kein biblischer Bericht kündet von ausgestorbenen Lebewesen und gerade die Sintflutlegende bezeichnet ja den Willen Gottes nach Bewahrung der Natur, indem von jeder Art Landlebewesen welche in die Arche des Noah verfrachtet wurden)?
Darwin war ein exzellenter Beobachter. Ihm entging nicht, dass viele Lebewesen mehr Nachkommen zeugten als zur Arterhaltung notwendig waren. Was geschah mit all denen, die nicht zur Reife kamen? Plakativ formuliert: Warum ist der Himmel nicht schwarz von Vögeln? Diese Fragestellung verfolgend las Darwin Malthus. Dieser sah den Zusammenhang zwischen Ressourcen zur Ernährung und der Zahl von Menschen. Nur diejenigen verfügten über den Zugang zu ausreichend Ressourcen, die über entsprechende Fähigkeiten der Aneignung verfügten. An dieser Stelle greift natürlich Marx Kritik, in der dieser – obwohl Darwin bewundernd (er hatte ihm seinen ersten Band von „Das Kapital“ widmen wollen) – eine Abbildung der britischen Gesellschaft in der Naturanschauung Darwins zu sehen glaubte. Gleichwohl ist der Ansatz bei Malthus vmtl. ein wichtiger Impulsgeber für Darwins Entdeckung gewesen, denn er lässt sich tatsächlich z.T. elegant auf das Tier- und Pflanzenreich übertragen. Ernährung und Fortpflanzung sind ja die basalen Imperative des Lebens schlechthin. Sie sind es aber nicht im streng evolutionsbiologischen Sinne, denn ihr Streben gilt der Erhaltung und nicht der Veränderung. Dass es dennoch zur Evolution kommt, liegt daher an Faktoren, die nicht der willkürlichen Steuerung der Lebewesen unterliegen. Diese Faktoren – wir wissen heute, dass es die Genmutationen sind – waren Darwin noch unbekannt, so dass er nur von „Varietäten“ schreiben konnte, von geringfügig abgeänderte Formen, deren Ursache er sogar in lamarckistischen Vorgängen vermutete (Vererbung erworbener Eigenschaften). Genau betrachtet, ist das durchaus nicht ganz falsch, denn die Mutationen des Erbgutes wurden ja „erworben“ – nur nicht durch z.B. bestimmten Dauergebrauch eines Organes oder ähnlichem. Man kann auch sagen, Lamarck (ein Vorläufer Darwins) hatte recht auf der Ebene der Genotypen, lag aber falsch auf der Ebene der Phänotypen. Die gering voneinander abweichenden Formen stehen in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt. Diese Umwelt nun ist sehr facettenreich. Sie besteht u.a. aus dem Klima, dem Nahrungsangebot und Fressfeinden sowie v.a. aus den konkurrierenden Mitgliedern der eigenen Art. Darwin vermutete, dass diejenigen Exemplare einer Art, die erfolgreich bis zur Fortpflanzung überlebten, ihre Eigenschaften an einige ihrer Nachkommen weitergaben, andere aber davon abwichen, teils mit nachteiligen Folgen und teils mit verbesserten Fähigkeiten. So konnten z.B. Vögel mit härteren Schnäbel bisher ungenutzte Früchte verzehren und damit neue Nahrungsquellen erschließen, usw. So züchtet also die Umwelt Spezialisierungen heran und ermöglichst so eine immer größere Verbreitung und ein immer größeres Eindringen der Lebewesen in die natürlichen Ressourcenquellen. Das ganze ist viel weniger ein Vorgang permanenter Kriegsführung unter den Lebewesen als vielmehr eine Anpassung an die Umwelt. Das kann gar nicht genug betont werden, denn ein nicht geringer Teil gegnerischer Argumentation bezieht sich auf einen vermeintlich grausamen Daseinskampf, in der alle Mittel zur Niederkämpfung von Feinden vorkommen. Sicher – das Beutegreifen existiert. Aber eine nähere Betrachtung dieses vermeintlichen „Hauens und Stechens in einer blutigen Natur“ führt zu der Erkenntnis, dass genau das zur Aufrechterhaltung intakter Biotope notwendig ist. Es ist – um wieder eine plakative Formulierung zu benutzen – allemal besser, sich Hauskatzen zu halten, als permanent mit Chemikalien zur Abwehr einer überzogenen Kleinnagerpopulation zu hantieren. Eine Erkenntnis, die zumindest in früheren Zeiten noch jeder Landwirt beherzigte – auf Höfen waren meist mehrere Katzen „tätig“.
Darwins Entdeckung beruht auf der Schlussfolgerung einer ausgedehnten Sichtweise. Indem er seinen Fokus der Erkenntnis immer weiter ausweitete, erkannte er, dass der Mechanismus, der zutreffend für die Variationsentstehung innerhalb der Gattungen (das bestreitet heute auch kein intelligenter Gegner seiner Theorie mehr) galt, auch darüber hinaus gültig sein müsste: Bis zur Zeugungsfähigkeit überlebensfähige Lebewesen stellen diese unterschiedliche Variationen dar, die gemäß ihren Fähigkeiten an unterschiedliche Umwelten angepasst sind, im Laufe der Zeit weiter variieren und sich damit immer mehr von ursprünglichen Typen entfernen bis ein Punkt erreicht ist, der keine Kreuzung mehr mit früheren Typen erlaubt und so neue Gattungen hervorruft. Dabei spielt auch die sog. sexuelle Zuchtwahl eine wichtige Rolle und scheint zuweilen sogar gegen die Fitness zu arbeiten (das Gefieder des männlichen Pfaus z.B. scheint eher ein Hindernis als ein Vorteil zu sein, tatsächlich aber weist ein farbenprächtiges Gefieder auf gute Gene hin). Somit entdeckte Darwin in der Variation (Mutation), der natürliche und sexuelle Selektion die Motoren der biologischen Evolution und machte damit die früheren Annahmen übernatürlicher Ursachen schlicht und einfach überflüssig. Bei allen Detaildefiziten – die z.Z. Darwins noch sehr viel umfangreicher waren als heute – wurde mit seiner Entdeckung der Welt doch ein naturwissenschaftlich taugliches Modell gegeben, dass heute fast überall grundlegend anerkannt wird. Und doch wird seit Darwins Tagen leider nicht nur fachlich darüber gestritten, sondern oft auch höchst emotional bis hin zu gegenseitigen Gehässigkeiten. Es argumentieren leider manche nicht so elegant und souverän wie der stets differenziert und tolerant denkende Inhaber dieses Blogs z.B. im Forum „Freigeisterhaus“ oder in Rezensionen, usw.
Da werden manche gar promovierte Zeitgenossen nicht müde, der Evolutionstheorie eigentümliche Verantwortlichkeiten bis hin zu Abtreibungs- und Euthanasiefragen anzudichten (von der alten „Nazikeule“ ganz zu schweigen). Vielleicht sollte man den alten Darwin beneiden, der sich das alles nicht mehr anhören muss (die Anfänge der Kritik hat er ja noch mitbekommen, sich aber dieser Debatten aus gesundheitlichen Gründen entzogen und sie dem jüngeren Huxley überlassen).
Es mag ja sein, dass es Argumentationen gibt, die bei einem Fötus nur von einer tierische Vorstufe zum Menschen ausgehen, die keine Persönlichkeit ausgebildet hat und die man deshalb ohne weiteres töten könnte. Eine solche Sichtweise ist allerdings falsch, denn der Mensch ist Programm und nicht erst ab einer gewissen Ausdifferenzierung dieses Programms ein Mensch. Sonst müsste man erst ab dem 20.Lebensjahr von einem Menschen sprechen, denn so lange braucht unser Gehirn bis zur Reife. Und was die Euthanasie anbetrifft, so hat m.E. nur der Mensch, der ab einem gewissen Punkt einer sehr schweren und eindeutig unheilbaren Krankheit seinen Tod verfügt, das moralische Recht dazu. Problematisch wird dieses, wo eine solche Verfügung nicht vorliegt und der Patient nicht mehr ansprechbar ist und keine Zeichen einer wie auch immer gearteten Lebensfreude zeigt (z.B. bei Dauerkoma). Man kann es aber m.E. u.U. ethisch vertreten, die entspr. Geräte abzuschalten, damit diese anderen zur Verfügung gestellt werden können. Das sind sehr schwierige medizinische und juristische Fragestellungen, die gewiss nicht mit kollektiven Empfehlungen oder gar religiösem Bedrohungspotential beantwortet werden können. Es ist immer der Einzelfall genauestens zu untersuchen. M.E. ist hier der Weg der Barmherzigkeit entscheidend und kein wie auch immer geartetes Dogma. Das gilt auch für besonders komplexe Probleme bei Abtreibungsfragen. Ich verabscheue kollektive Rundumschläge dummdreister Besserwisserei oder stupiden Moralismus – gleich welcher Coleur.
Tatsache bleibt, dass es in vielerlei Hinsicht falsch ist, den Menschen und seine Gesellschaft auf Regelungsmechanismen tierischer oder pflanzlicher Biotope zu reduzieren. Außerdem findet man sogar bei genauer Betrachtung im Tierreich, dass z.B. es sich bei den Elefanten um eine Tierart handelt, die sehr viel älter wird, als es bis zur Zeugungsfähigkeit und erfüllten Brutpflege nötig wäre. Die alten Elefanten nämlich haben ein Wissen über die Umwelt gespeichert, dass der ganzen Gruppe zugute kommt, also haben wir hier einen Selektionsvorteil. Wenn man also – absurderweise - mit evolutionsbiologischen Kriterien nach einem Selektionsvorteil von behinderten Menschen fahnden würde, müsste man den Blick auch auf die anderen Menschen werfen. Man könnte sogar fündig werden, denn die Pflegetätigkeit könnte Menschen mit besonders ausgeprägten Orbitofrontalcortizes oder OFC (Sitz der sozialen Fähigkeiten, Gewissen, Über-Ich) für diese Tätigkeit selektieren (das derzeit oft Gegenteiliges zu vernehmen ist, liegt mehr an einer absurden Gesundheitspolitik und weniger an der geringen Zahl kompetenter PfegerInnen). Dieses aber – ich spinne das mal etwas weiter – wäre zweifellos zur Hervorbringung eines besseren Menschentypus geeignet, da der OFC ein „Antagonist“ zu den „alten egoistischen Programmen“ ist. Altruismus ist eine biologisch- und kulturevolutionäre Erwerbung, über den möglicherweise die zukünftige Entwicklung ablaufen wird. Altruismus stand schon ganz am Anfang, als es zur Herausbildung von Vielzellern kam. Altruismus ist immer auch vorhanden bei staatenbildenden Insekten und jeder Tierhorde sowie ohnehin bei jeder Art von Brutpflege. Zweifellos sind Hindernisse zu überwinden, die in unserem Fall nicht zuletzt in einer falschen oder instrumentalisierten Sicht der Evolutionsbiologie bestehen.
Last not least ein paar Worte zu der Befürchtung, die Entdeckungen Darwins hätten dem Gottglaube den Garaus gemacht oder wären zumindest geeignet, den Atheismus zu propagieren: Tatsächlich hat ja Richard Dawkins seinen Atheismus v.a. mit Darwins Entdeckung begründet. Aber muss deshalb das, was einen Dawkins motiviert, grundsätzlich gelten? Ich vertrete ganz frech die gegenteilige Auffassung. Für mich ergibt sich evolutionsbiologisch der Befund einer fortschreitenden Hervorbringung von immer bewusster werdenden Lebensformen, die in eine sich als immer großartiger erweisende Welt hineinwachsen. Aber wir sind dennoch in unserem Erkenntnisvermögen begrenzt und werden das auch bleiben, obwohl unsere Welt, die immer nur ein Rekonstrukt einer mit Sicherheit größeren Welt bleiben wird, eine für jedes Tier unvorstellbare Ausdehnung aufweist, die bis zu den Grenzen unseres Verstandes reicht, welche sich z.B. bei den Paradoxien quantenphysikalischer Phänomene offenbaren. Wenn man nicht im anthropozentrischen Mittelpunktswahn ge- oder befangen bleiben will, muss man anerkennen, dass all unser Weltverständnis letztlich insulär ist, wir sitzen quasi auf einer epistemologischen Insel und begehen dabei oft den Fehler, diese für alles zu halten, was es gibt. Den Ungeist einstiger Zentriertheit mit Kopernikus, Darwin und Freud hinausgeworfen, sollten wir aufpassen, denselben nicht auf den Umweg einer anthropozentrischen Ontologie andere Art wieder Raum zu geben. Gewiss ist mit Darwin ein abstruser antropomorpher Gottglaube, der auf einer antiken augenscheinlichen Weltsicht beruhte, dahingegangen. Aber dafür ist ein Gottglaube, der den ganz ursprünglichen des Nichterfassbaren, des Bilderlosen, sogar sehr nahe kommt, allemal möglich, der m.E. allemal besser in einer ungeheuer weiten und komplexen Welt seinen Ausdruck finden kann, als im kärglichen Rahmen einer wenige Tausend Jahre alten Miniwelt mit fest definiertem Anfang und Ende, die im übrigen Gottes wegen ihrer Mickrigkeit gar nicht würdig wäre. Dass intelligente Menschen dennoch annehmen, die Welt (aka Universum) sei mit all ihrer Größe und Komplexität nur wenige Tausende Jahre alt ist, spricht sogar gesicherten astrophysikalischen Befunden Hohn. Wie kann es denn angehen, dass wir trotz unserer letztlich beschränkten Erkenntnisfähigkeit (s.o.) doch immerhin soweit kommen konnten, diese Dinge präzise zu erforschen, wenn derlei doch gar nicht stimme? Tatsächlich ist es doch nur vernünftig, von einer noch größeren Welt auszugehen und keinesfalls von einer kleineren, auf wortwörtlich verstandene Urtexte – deren Sinn ein ganze anderer ist als die Lehre der Naturwissenschaft - bezogenen.
Wie ich hoffentlich kurz zeigen konnte, ist die Instrumentalisierung von Darwins Entdeckung zu ganz anderen als zu naturwissenschaftlichen Zwecken widerlegend kritisierbar. Darwin war nicht der „Kaplan des Teufels“ – wie eine Sendung über ihn betitelt wurde - und er war auch kein geistiger Vater all der Greueltaten, deren Verantwortliche sich auf ihn direkt oder indirekt bezogen und er ist – um das noch zu erwähnen – auch nicht für den Neoliberalismus, Abtreibung, Euthanasie, usw. verantwortlich. Darwin war v.a. ein Mensch, der sich nicht scheute, den wissenschaftlichen und theologischen Dogmenapparat seiner Zeit zu hinterfragen durch die sich ihm zwingend aufdrängenden Erkenntnisse langjähriger Forschungsarbeit. Dabei war er stets vorsichtig und bedacht – machte sich nie zum eifernden Kämpfer in eigener Sache und entging so auch den Schlammschlachten, die wir leider bis heute noch zuweilen erleben müssen. Zudem hat er m.E. etwas sehr Schönes herausgefunden, nämlich die Verwandtschaft allen Lebens miteinander. Wenn wir eine Katze streicheln, so berühren wir den Nachkommen eines frühen Abkömmling eines „Astes eines Baumes“, der auch uns „hervorgebracht“ hat. Und wenn wir in den Sternenhimmel schauen, so mögen wir die Reste dessen darin finden, was einst die Bühne bereitet hat für das große Drama einer biologischen und kulturellen Evolution, von dem uns Charles Darwin ein gutes Stück zu berichten wusste. Thank You, Charles!
Gruß an die LeserInnen
Egon
Bremen, 10.03.2009